0 Mit Behinderten und Alten auf Erfolgskurs

Die Chef-Sekretärin ist hörbehindert. Der Wachschützer hat ein Hüftleiden. Der neu eingestellte Lagerchef feierte kürzlich seinen 63ten Geburtstag. Die Neuruppiner Dienstleistungsfirma PeHa macht vor, dass ein Unternehmen nicht trotz, sondern wegen seiner gehandicapten oder älteren Mitarbeiter auf Erfolgskurs segeln kann. Die Firma gehört inzwischen zu den führenden Wachschutz- und Gebäudedienstleistern im Ruppiner Land.

Früher SELBST AUSRANGIERT

Unternehmenschef Peter Haase kennt das Gefühl, auf dem Arbeitsmarkt aussortiert zu werden. Mit 48 Jahren wurde der Betriebsleiter eines Gebäudedienstleistungs-Unternehmens überraschend vor die Tür gesetzt. Zwar hatte Haase schnell ein neues Angebot. Doch kurzfristig entschied er: „Ich mache selber eine Firma auf. Denn was andere können, kann ich auch.“ Der Firmen-Service reicht von Reinigung und Sicherheit über Hausmeisterservice und Grünflächenpflege bis hin zu Winterdienst, Logistik und Personalvermittlung.

HOHER KRANKENSTAND EIN KLISCHEE

Bei der Gründung seines Unternehmens vor fünf Jahren setzte Haase auf Mitarbeiter mit Handicap oder Ältere. „Das sind die zuverlässigsten Beschäftigten“, weiß der Firmenchef aus jahrelanger Berufserfahrung. 35 der 98 PeHa-Angestellten gehören zu den von vielen Personalern geschmähten Jobsuchenden. Die gängigen Vorurteile: hohe Ausfälle durch Krankheit oder geringere Leistungsfähigkeit. Doch damit räumen Haases Mitarbeiter vollständig auf. Bei der PeHa liegt der Krankenstand seit 2002 unter zwei Prozent. Der Bundesdurchschnitt im Jahr 2006: drei Prozent. Auch bei der Leistungsfähigkeit gibt es keine Abstriche. „Wer Diabetiker ist oder nur eine Niere hat, kann immer noch gute Leistungen bringen. Doch das unterschätzen viele“, so Haase.

VIELE UNTERNEHMER KAUFEN SICH LIEBER FREI

In Deutschland sind Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern verpflichtet, mindestens fünf Prozent Beschäftigte mit Handicap einzustellen. Mehr als ein Drittel der rund 120.000 beschäftigungspflichtigen Betriebe kaufte sich im Jahr 2005 laut Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) von dieser Verpflichtung frei. Diese Firmen zahlen lieber Ausgleichszahlungen von 105 bis 260 Euro pro Monat, als sich auf einen behinderten Mitarbeiter einzulassen. Die Folge: Laut BIH waren im Jahr 2006 von rund einer Million arbeitsfähigen Schwerbehinderten 18 Prozent ohne Job. Im Vergleichszeitraum betrug die Arbeitslosenquote insgesamt 10,8 Prozent.

Zusätzliche Infos

Forschungsinstitut Betriebliche Bildung / Liste der Rehabilitationsträger und Gemeinsamen Servicestellen

Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation

Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung (BAG UB) e.V.

DOPPELTE KRUX

Als PeHa-Chefsekretärin Gerlinde Haase (nicht verwandt oder verschwägert mit Firmenchef Haase) vor knapp sieben Jahren wegen Insolvenz ihres damaligen Arbeitgebers arbeitslos wurde, sah es mit einer neuen Arbeitsstelle nicht gerade rosig aus. „Zu meiner Hörbehinderung kam erschwerend hinzu, dass ich bereits über 50 Jahre alt war“, erzählt sie. „Da haben mich viele potentielle Arbeitgeber mit einer gewissen Scheu behandelt.“ Knapp zwei Jahre suchte sie einen neuen Job, bis sie schließlich auf die PeHa stieß und dort blieb.

HOHE ZUSCHÜSSE MÖGLICH

Dabei kann es sich für Unternehmen durchaus rechnen, einen Mitarbeiter mit Handicap einzustellen. So kann der Eingliederungszuschuss für langzeitarbeitslose und schwerbehinderte Menschen bis 70 Prozent des tariflichen oder ortsüblichen Arbeitsentgeltes betragen. Er wird in der Regel drei Jahre gezahlt. Ist der Mitarbeiter indes schwerbehindert und älter als 55, kann sich die Förderdauer auf 96 Monate erhöhen. Die Höhe ist aber je nach Voraussetzungen unterschiedlich.

Vor Einstellung informieren

Förderanträge müssen vor der Einstellung des behinderten Mitarbeiters gestellt werden. Zuständig sind die Integrationsämter, die Arbeitsagenturen, die Reha- oder die SGB-II-Träger. Eine übersichtliche Vorabinfo über die Bezuschussung von Lohnkosten oder technische Hilfen bietet die von der BIH erarbeitete Broschüre Behinderte Menschen im Beruf.

VERANTWORTUNG TRAGEN

Haase sieht in seinem Personalkonzept einen klaren Wettbewerbsvorteil. „Oft bekommen wir schon deshalb Aufträge“, freut sich der Unternehmer über die Nachfrage. „Und das, obwohl wir häufig teurer sind als andere.“ Doch die hohe Auftragslage ist nicht sein einziger Beweggrund: „Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung, der wir uns nicht entziehen dürfen,“ so Haase, der für seinen überdurchschnittlichen Einsatz bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Im Gegenzug sind seine Mitarbeiter hoch motiviert, sogar wenn es heißt, im Alter noch einmal die Schulbank zu drücken.

MIT 63 JAHREN AUF DIE SCHULBANK

Der 63-jährige Horst Frohmüller, zweitältester Mitarbeiter bei der PeHa, kam erst 2006 in die Firma. Damit der gelernte Drucker dort eingesetzt werden kann, wo Haase ihn braucht, macht Frohmüller im kommenden Jahr eine Weiterbildung zur Sicherheitsfachkraft und zum Lagerchef. Sofern die Berufsgenossenschaft oder die Bundesarbeitsagentur die Qualifikation nicht finanzieren wird, will Haase die Kosten selber übernehmen.

Auch junge FACHKRÄFTE im Blick

Auch die jungen Mitarbeiter profitieren vom Engagement ihres Chefs. Die 22-jährige Auszubildende Julia Katschewitz wird nach der Lehre am Institut Campus Neuruppin den Bachelor in Business Management machen. Haase übernimmt die Studiengebühr in Höhe von 590 Euro pro Monat und zahlt weiterhin ein kleines Gehalt. Eine Vertragsbindung ist nicht vorgesehen. „Ich habe selber keinen gradlinigen Berufsweg“, sagt der gelernte Mauer, der bei der DDR-Volksmarine den Meister machte und erst nach der Wende ins Facility Management einstieg. Daher sei es ihm wichtig, auch junge Leute zu fördern. „Und vermutlich muss ich mir dann über Fachkräftemangel später keine Gedanken machen“, hofft Haase.

red/bks

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