0 Dioxin in Lebensmitteln – Sind wir nicht alle verantwortlich?

Wolfgang Gutberlet, Quelle: tegut

Wolfgang Gutberlet, Quelle: tegut

Der Dioxin-Skandal zeigt einmal mehr die besondere Problematik des deutschen Lebensmittelmarktes auf: Ständig „immer mehr, immer schneller, immer billiger“ haben zu wollen. Wegen dieser Forderung wäre es zu einfach, würde man die Schuld allein den Futtermittelherstellern oder den Produzenten (früher: Züchter genannt) anlasten. Wir behaupten: Für Fehlentwicklungen und Skandale dieser und ähnlicher Art sind immer alle Marktteilnehmer (Hersteller, Handel, Verbraucher und Politiker) verantwortlich. Wir haben den angesehenen und langjährigen Kenner der Szene, Wolfgang Gutberlet, ehemaliger  Vorstandsvorsitzender und heute Vorstandsmitglied des Lebensmittelfilialisten tegut, Fulda danach gefragt, wie er zu unserer These steht.

BL: Herr Gutberlet, als Chef eines Lebensmittel-Vollsortimenters kennen Sie die Situation an der Schnittstelle zwischen Hersteller und Verbraucher wie kein Zweiter. Sie haben, allen Preiskämpfen zum Trotz, ihr Unternehmen schon sehr früh auf das Thema Qualität und in rascher Folge auf das Thema Bio ausgerichtet. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg, wo doch häufig der Preis als ausschlaggebender Faktor beim Einkauf gesehen wird?

WG: Sie sagen es, wir arbeiten tatsächlich seit Beginn der 80-er Jahre an dem Thema Qualität und haben inzwischen ein Forschungsinstitut (KWALIS) gestiftet, das sich mit grundsätzlichen Fragen zur Qualitätssicherung beschäftigt. Wir haben auf diesem Weg festgestellt, dass die mit Bio verbundene Prozessorientierung im Landbau, in der Tierhaltung, in der Verarbeitung und auch in der Kommunikation zum Verbraucher einiges möglich macht, auch wenn das oft bestritten wird.

BL: Wollen Sie damit sagen, dass es eine auf breiterer Basis getragene Bereitschaft zu Änderungen und Verbesserungen gibt?

WG: Ja, durchaus. Öffentliche Reaktionen erfolgen im Allgemeinen immer erst dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Und dann mit großer Emotion. Aus unserer Sicht ist es viel wichtiger, grundsätzlich zu denken und präventiv zu arbeiten. Wohl wissend, dass es keine absolute Sicherheit und keine absolute Qualität gibt. Und, ganz wichtig, Sicherheit und Qualität haben immer ihren Preis!

BL: Aber das bedeutet ja, dass auch der beste Preis nicht garantiert, dass alles, immer und zu jeder Zeit, „störungsfrei“ läuft?

WG: Richtig. Ganz sicher ist nur der Tod. Alles, was in Bewegung ist, birgt auch Risiken. Es geht im Leben nie um „entweder-oder“; es geht immer um relative Verbesserung und daran muss man eben ernsthaft und beharrlich arbeiten. Und in dem Bewusstsein, dass trotzdem immer Fehler unterlaufen können, muss man selbstkritisch bleiben. Darum bemühen wir uns auch in unserer Kommunikation.

BL: Heißt das, dass Sie in Ihrer Kommunikation auch den Verbraucher auf seine Verantwortung für Sicherheit und Qualität aufmerksam machen?

WG: Ja! Wir machen –wie ja auch Sie auf ihrer Internetseite- gerne darauf aufmerksam, dass Menschen als politisch Handelnde wie auch als einzeln Handelnde nur ungern die Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen. Investitionen in unsere Infrastruktur lassen wir schleifen oder versilbern diese sogar, um unsere Haushalte, d.h. um unsere sonstigen nötigen und unnötigen Ausgaben zu finanzieren mit Leistungen aus der Vergangenheit.

BL: Herr Gutberlet, können Sie Ihre letzte Aussage vielleicht an einem Beispiel für unsere Leser verdeutlichen?

WG: Sie haben ja auch das Thema „Bundesbahn und die Vernachlässigung der Entwicklung“ aufgegriffen. Das Problem unseres Stromleitungsnetzes ist allgemein bekannt und es wird schon jetzt von Fachleuten kommentiert, dass Strom nicht mehr mit der gleichen Sicherheit verfügbar sein wird wie wir das gewöhnt sind. Statt diese, wirklich öffentlich relevanten Infrastrukturmaßnahmen anzugreifen, wird darüber spekuliert, diese zu verkaufen und damit der Versorgungsgedanke in den Hintergrund rückt.

BL: Was bedeutet denn das nun im Blick auf die Verbraucher?

WG: Nun, wenn es um Einkommens- oder Sicherheitsfragen geht, stellen sich die Verbraucher selten vor, dass sie diese im Preis für die Produkte tragen müssen. Wenn dafür gar keine Bereitschaft da ist, dann wird sich das auf eine qualitätslastige Vereinfachung der Produktionsprozesse und eine Verschlechterung der Lebensbedingungen für Menschen, Tiere und Pflanzen niederschlagen. In der Vergangenheit konnte hier zwar einiges durch Rationalisierungen aufgefangen werden, dies wird aber zukünftig immer schwerer möglich sein. Und dann kommt es auch leicht so weit, dass labile, rein einkommensorientierte Menschen sich betrügerische Methoden einfallen lassen, die dann noch weit über die Verschlechterung der Qualitäten hinaus in eine Gefährdung für die Menschen münden.

BL: Nun haben Sie, Herr Gutberlet, den komplexen Prozess von der Schaffung des Lebensmittels über den Handel bis auf den Tisch des Verbrauchers dargelegt und die Abhängigkeiten von Qualität, Sicherheit und Preis transparent gemacht. Was müssen wir tun, um wieder mehr Vertrauen in Qualität und Sicherheit zu haben?

WG: Ich glaube, wir müssen lernen, in Konsequenzen zu denken. Wenn wir über Verantwortung reden, dann versuchen wir nur immer, jemanden verantwortlich zu machen. Unser Anliegen ist es, nach beiden Seiten hin – zu den Verbrauchern und zu den Landwirten oder zu den Produktionsbetrieben – im Gespräch zu sein und eine von allen Seiten tragbare Qualität zu vermitteln. Deshalb lassen wir unseren Verbrauchern auch die Wahl, welche Qualitäten sie haben wollen, weil das im Augenblick der einzige Weg ist, die Freiheit der Verbraucher zu wahren.

BL: Herr Gutberlet, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Weitere Informationen zum Thema:

Lebensmittel vermitteln Leben – Lebensmittelqualität in erweiterter Sicht

von Jürgen Strube und Peter Stolz mit einem Nachwort von Wolfgang Gutberlet
Verlag: KWALIS Qualitätsforschung Fulda
ISBN: 3935769016

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