0 Die Angst des Journalisten vor dem Amateur

Quelle:photocase; Foto: JoeEsco

Quelle:photocase; Foto: JoeEsco

Über das Internet können Informationen in Sekundenschnelle veröffentlicht werden. Foto-Handys mit ihrer Bildübertragungsfunktion sind fast überall vorhanden, wo sich gerade etwas Sensationelles ereignet. Zunehmend dringen Amateure in die Domäne der von hauptberuflichen Mitarbeitern gestalteten Medien ein. Der freie Journalist Hajo Schumacher hat für das Deutschlandradio einen Beitrag über die Furcht der Profis vor der neuen Konkurrenz verfasst. diebuergerlobby dokumentiert den Text in Auszügen.

„Wir Journalisten sind schon tolle Hechte. Wem anders als uns würde es zustehen, das Geschehen auf der Welt abzubilden, zu beschreiben und zu bewerten. Niemandem natürlich. Wir sind die Kompetenz. Nur wir. So jedenfalls sehen es Journalistenverbände oder die selbsternannten Premium-Reporter vom Netzwerk Recherche. Vereint ziehen diese ständischen Vertreter des schreibenden und sendenden Gewerbes gegen eine wachsende Konkurrenz zu Felde: den Bürgerreporter. Nichts fürchtet der Journalist mehr als seine eigene Kundschaft.“

Unwirsch in der Leserbriefspalte

Deswegen wurde der Bürger bislang ja auch in die lieblos aufgemachte, graue Leserbriefspalte gesperrt, wo sich betuliche, absurde und manchmal sogar brillante Beiträge fanden. (…) Und manchmal schlummerte darin auch ein versteckter Angriff auf die redaktionsinterne political correctness. Denn der unwirsche Leser schrieb bisweilen Dinge, die der Journalist auch gern mal verfasst hätte, sich aber nicht traute. (…)

Ausbruch aus dem Ghetto

Mit den neuen digitalen Medien nun gelingt dem Bürger erstmals der Ausbruch aus dem Leserbriefgetto. (…) Die Vision des Soziologen Marshall McLuhan wird Realität: Jeder Empfänger ist ab sofort auch ein Sender. Das Monopol der Journalisten auf die Darstellung und Interpretation der Welt ist gebrochen.

Medien experimentieren

Manche Medien experimentieren offensiv mit diesem neuen gewaltigen Heer an freien Mitarbeitern. Die „Rheinische Post“ betreibt das Projekt Opinio, bei dem die besten Leserbeiträge aus dem Internet in die Zeitung kommen. Die „BILD“-Zeitung veröffentlicht Fotos ihrer Leser, meist von Promis oder Katastrophen, also genau dem Stoff, aus dem das Blatt auch sonst besteht. (…) Kann sein, dass es da nur um Blumenkübel in der Fußgängerzone geht oder das Graffiti am Rathaus. Na und? Wenn es die Leute umtreibt, dann spricht nichts dagegen, es auch zu artikulieren.

Beiden Seiten gedient

Mit dem Trend zum Bürgerreporter ist beiden Seiten gedient. Die Bürger wollen in die Medien und die Medien wollen nicht nur mehr Stoff, sondern auch die Nähe zum Geschehen. (…)

Die Bürgerbeteiligung birgt darüber hinaus die Chance, ein Stück Demokratie zurückzugewinnen. Denn aus gutem Grunde ist der Beruf des Journalisten nicht geschützt. Der Job soll offen sein für alle Menschen, gleich welcher Herkunft, welcher Klasse, welcher Hautfarbe, welchen Alters, welchen intellektuellen Hintergrundes. (…)

Wer sich prinzipiell gegen den Einsatz dieser Bürgerjournalisten ausspricht, der ist nicht nur arrogant und demokratiefeindlich, er offenbart vor allem ein tief sitzendes Misstrauen gegen seine Mitbürger. Ob deren Werke tatsächlich so viel schlechter sind als die tägliche Arbeit so genannter Profis, das bleibt erst einmal abzuwarten. Es kann gut sein, dass sich der Bürger nach einer kurzen Phase der Begeisterung wieder zurückzieht aus dem Journalismus und die Arbeit uns, den Profis, überlässt. Kann aber auch sein, dass da eine ernstzunehmende Konkurrenz erwächst. …

ug

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