0 Sturmläuten gegen Neonazis

Christliche Zivilcourage pur: Bei einer NPD-Demonstration im unterfränkischen Miltenberg läutet der katholische Pfarrer Ulrich Boom mit den sechs mächtigen Glocken seiner Kirche „St. Jakobus, des Älteren“ Sturm und vertreibt so die Neonazis aus der Stadt. Der Bundespräsident lobt das Werk des Priesters als „Handeln in meinem Namen“. Die GL-Redaktion besuchte den Pfarrer in Miltenberg.

Kein Feuerkopf

Pfarrer Boom; Foto POLIS

Pfarrer Ulrich Boom; Foto POLIS

Ein Feuerkopf ist Ulrich Boom sicher nicht. Im Straßenanzug bittet der Pfarrer mit dem grauen Haarschopf über der hohen Stirn die Besucher, in den bequemen Sesseln im gemütlichen Besprechungszimmer des historischen Pfarrhauses neben der Miltenberger Jakobskirche Platz zu nehmen. In Ruhe können sie den Blick über Altstadtgassen bis zum Main genießen, während der Gastgeber eigenhändig Kaffee für sie brüht. Ein aufmerksamer, bisweilen nachdenklicher Blick ruht auf den Besuchern, während der gebürtige Münsterländer mit sonorer Stimmen freundlich Rede und Antwort steht. Ein Mann mit einer soliden religiösen Grundhaltung, fundierter theologischer Bildung und Toleranz aus Überzeugung wollte da ein Zeichen setzen, so der Eindruck.

„Ich bereue nichts“

„Nein, ich bereue nichts“, resümiert Boom mit mehrmonatige Abstand – und sein Schmunzeln zeigt, dass sich der Priester der ironischen Anspielung auf das Piaf-Chanson „Non, je ne regrette rien“ wohl bewusst ist. Dabei war der Entschluss, mit dem ganzen akustischen Schwergewicht des mächtigsten Geläuts der Diözese nach dem der Bischofsstadt Würzburg gegen die NPD-Demonstration anzugehen, keiner wohldurchdachten Entscheidung entsprungen. „Ich habe gewusst, dass die Kundgebung der Jungen Nationaldemokraten hier stattfinden wird, aber nicht, dass ich dann läuten würde.“

20 Minuten Mahnung vom Kirchturm

Mittenberg am MainSpontan eilt Pfarrer Boom an jenem 22. Juli 2006 die paar Meter hinüber in die Sakristei der St. Jakobskirche, legt zuerst den Schalter für die Muttergottesglocke mit ihren fast zwei Metern Durchmesser um. Als sie zu schwingen beginnt und ihr dunkles Gis ertönt, folgen die Jakobusglocke mit ihren zweieinhalb Zentnern, die Johannes Nepomuk-, die Bonifatius-, die Pius-, die Kiliansglocke. Die Demonstranten auf dem nahen Marktplatz von Miltenberg sind verunsichert, schauen nach oben. Die ersten Passanten applaudieren. Nach 20 Minuten ziehen die Neonazis wie begossene Pudel ab aus Miltenberg – der „lieblichen Stadt“: Kein rechtsradikales Schnattern mehr möglich im Schnatterloch, wie der Marktplatz des Städtchens an den steilen Hängen über dem Maintal bei den Einheimischen seit Alters her genannt wird.

Beschimpfung die Ausnahme

Das Echo auf die mutige Tat ist überwältigend. Briefe und Mail-Ausdrucke füllen inzwischen zwei Ordner. Überregionale Blätter wie Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine berichten. Die Welle kulminiert, als sich die Online-Ausgabe des Nachrichtenmagazins Der Spiegel des Themas annimmt. „Es mögen an diesem Tag wohl hundert Mails angekommen sein – mit Absendern von der Türkei bis Kalifornien“, staunt Boom noch heute. Drohungen gab es keine, Beschimpfungen wie „Nestbeschmutzer“ blieben die Ausnahme. In aller Regel erntete der Priester positive Reaktionen und Bewunderung. Auch in der Pfarrgemeinde fand sein Sturmgeläut überwiegend Zustimmung. „Einige mögen insgeheim gegrummelt haben, aber das sind Einzelstimmen“, berichtet Boom.

Juristische Nachwehen

Die Juristen allerdings wollten nicht übersehen, dass der Pfarrer eine genehmigte Versammlung gestört hat. Zwar war die Kundgebung gegen Jugendarbeitslosigkeit von der Stadt Miltenberg und später vom Landkreis verboten, aber nach NPD-Einspruch vom zuständigen Verwaltungsgericht erlaubt worden. Wegen „Groben Unfug“, „Lärmbelästigung“ und dem „Versuch einer Versammlungssprengung“ ermittelte die Staatsanwaltschaft im 40 Kilometer nördlich gelegenen Aschaffenburg. Gegen Zahlung einer Geldbuße von zweitausend Euro sollte er um ein förmliches Strafverfahren herumkommen.

Unterstützung durch Kirchenhierarchie

Spätestens hier setzte dann überkonfessioneller Gegenwind ein. „Der Generalvikar Karl Hillebrand unserer Diözese Würzburg hat mir einen ehemaligen bayrischen Justizminister als Rechtsberater zur Seite gestellt“, lobt Boom die Unterstützung durch die Kirchenhierarchie. Zudem protestierte die israelitische Kultusgemeinde in Würzburg gegen das Bußgeld. Solche Stimmen werden häufig auch im Ausland vernommen. Die bayrische Justizministerin Beate Merk (CSU) jedenfalls sorgte dafür, dass das Bußgeldverfahren von der Aschaffenburger Staatsanwaltschaft „wegen geringer Schuld“ eingestellt wurde.

Hand des Bundespräsidenten

Sonst wären die Staatsanwälte wohl auch beim Staatsoberhaupt angeeckt. Denn gegen Ende des vergangenen Jahres flatterte Ulrich Boom eine Einladung des Bundespräsidialamtes zum Adventskaffee ins Haus. Beim dem Treffen wollte sich Horst Köhler bei denen bedanken, die 2006 „in meinem Namen gehandelt haben“. Ulrich Boom als „rechte Hand“ des Bundespräsidenten – das wäre in dieser causa vielleicht die falsche Wortwahl. Aber die Rolle als rechtschaffene Hand des Staatsoberhaupts, diese Aufmunterung tut dem Pfarrer von Miltenberg nach all der Aufregung über seine spontane Tat offensichtlich ganz gut.

Übel an den Wurzeln packen

Als politischer Katholik ist Boom klar, dass die Wurzeln des
Übels mit symbolischen Bekenntnissen allein nicht auszurotten sind. „Wir kriegen das hier in der mainfränkischen Region gar nicht richtig mit: Aber wenn 20jährige in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit ohne Stelle dastehen und mit dem Aufbau einer Lebensperspektive allein gelassen werden, dann suchen sie natürlich eine Wärmestube, einen Ort, an dem sie sich ernst genommen fühlen.“ Leitfigur einer antifaschistischen Bewegung, die hier ansetzt, will Ulrich Boom nicht sein. Aber er steht zur Verfügung, wenn Initiativen gegen Rechtsradikalismus ihn um Unterstützung bitten: „Wenn Leute meine Meinung interessiert, werde ich Sie sagen.“

red/ug

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