0 Erfolg rechtfertigt gar nichts! Teil 3

Das nachfolgende Interview mit  dem Tübinger Theologieprofessor Hans Küng veröffentlichen wir im Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Interviewer Anna Marohn und Christian Tenbrock (Quelle: DIE ZEIT 04.01.2010.

Teil 3: „Früher gab es noch das Ideal des ehrenwerten Kaufmanns“

ZEIT: Versuchen wir das doch mal vor der eigenen Haustür. Jeder kennt das: ein Restaurant mit einem illegalen afrikanischen Immigranten in der Küche. Der Wirt beschäftigt ihn zu einem Hungerlohn, aber er beschäftigt ihn. Und der Migrant schickt einen Teil des Geldes nach Ghana zu seiner Familie. Was sagen Sie dem Wirt?

Küng: Zunächst mal eine grundsätzliche Antwort. Dieses Manifest ist nicht dazu da, Einzelfälle zu lösen. Die Normen sollen Richtlinien sein. Wir fangen mit dem Humanitätsprinzip an. Es kommt also zunächst darauf an, ob die Würde dieses Afrikaners gewahrt ist. Sagt er: Ich bin heilfroh, dass ich hier hinter der Theke stehen darf? Ein Großteil der ethischen Entscheidungen sind im Grunde Güterabwägungen, wo es sehr oft auch Argumente für das Gegenteil gibt. Wo Sie fragen müssen: Wenn der Wirt den einstellt – ist das nun ein Fall von Ausbeutung, oder ist es nicht doch eine gute Tat, dass er eine Arbeitsstelle bekommt? Ein typisches ethisches Dilemma, bei dem Norm und Situation berücksichtigt werden müssen. Der Wirt muss sich nach seinem Gewissenskompass richten.

ZEIT: Ist das nicht immer so bei ethischen Prinzipien? Wenn man sie in der Wirklichkeit anwendet, steht man vor großen Problemen.

Küng: Vor Problemen schon. Aber ein Großteil der Fälle ist eindeutig. Wenn jemand ausgebeutet wird, geht das gegen das Prinzip der Humanität und der Gegenseitigkeit. Natürlich gibt es immer auch die speziellen Dilemmata, bei denen man die konkrete Situation kennen muss. Ich weigere mich, da den Schiedsrichter zu spielen. Das Manifest ist kein Rezeptkasten, aus dem Sie nur den Paragrafen herausziehen müssen und wissen, wie es läuft.

ZEIT: Andererseits gibt es ganz klare moralische Überzeugungen auch für konkrete Situationen – gegen die der Einzelne dennoch verstößt. Muss man es dem Banker moralisch verübeln, dass er Geld nimmt, das ihm sein Unternehmen anbietet, vor allem dann, wenn der Steuerzahler die Bank gerettet hat?

Küng: Vorneweg gesagt: Die Bilanzmanipulationen, die Korruption der Ratingagenturen, das Versagen der amerikanischen Zentralbank – all das hat das Vertrauen mehr zerstört und war schlimmer als diese Boni-Geschichten. Die Banken hätten als Erstes ihre Schuld eingestehen sollen, auch das gehört zu einem ethischen Verhalten. Sollen die Banker mal beichten, und zwar durchaus öffentlich. Ich glaube, viele anständige Bankangestellte leiden darunter, dass eine bestimmte Gruppe in der Hochfinanz ihre Möglichkeiten ziemlich schändlich ausgenutzt hat.

ZEIT: Waren Banker früher anders?

Küng: Ich glaube schon. Früher gab es noch das Ideal des ehrenwerten Kaufmanns. Mit Karl Klasen zum Beispiel, dem früheren Bundesbank-Präsidenten, konnte man noch leicht darüber reden, dass man gewisse Dinge einfach nicht tut. Jetzt ist vielerorts ein neuer Typ von Banker, Unternehmer oder Manager am Ruder.

ZEIT: Wie würden Sie den beschreiben?

Küng: Rein erfolgsorientiert. Clever. Trickreich. Und von ethischen Prinzipien nicht sehr bestimmt.

ZEIT: Und der nimmt den Bonus mit.

Küng: Und der nimmt den Bonus mit.

ZEIT: Muss in einem solchen Fall nicht der Staat als Normengeber antreten?

Küng: Einerseits ja, das Manifest ist ausdrücklich nicht nur an die Arbeitgeber oder die Kapitalseite gerichtet, sondern an alle, auch an die Konsumenten. Der Kontrapunkt: Mit Gesetzen allein schafft man gar nichts. Schon die alten Römer wussten, wenn die Sitte abhandenkommt, nützen die Gesetze nichts. An Gesetzen fehlt es überwiegend nicht, aber Gesetze ohne Ethos werden umgangen, ignoriert, uminterpretiert. Es gibt so viele intelligente Juristen, die immer wieder einen Weg drum herum finden. Wenn nicht der Geist der Fairness da ist, nützen die Regeln daher wenig.

ZEIT: Aber wie verankert man diesen Geist im Unternehmen?

Küng: Entscheidend ist, ob ethische Kriterien schon bei der Personalauswahl zur Geltung kommen. Das gilt auch, wenn jemand aufsteigt. An der Wall Street – aber auch bei europäischen Banken – sind oft ganz junge Leute ganz schnell nach oben gekommen. Da ist es doch gar nicht möglich, zu prüfen, ob sie das notwendige ethische Rüstzeug haben.

ZEIT: Es geht um Unternehmenskultur.

Küng: Ja. Und da spielen Führungspersönlichkeiten eine wichtige Rolle. Sie müssen Moralität und Integrität vorleben. Bei Bosch muss jeder, der in eine verantwortliche Position kommt, unterschreiben, dass er sich an die Gesetze hält. Tut er es nicht, wird die Firma nicht dafür aufkommen.

Teil 4 erscheint am 30.01.: „Es geht um Bewußtseinsveränderung“

{ 0 Kommentare... Schreibe einen Kommentar }

Sie können entweder das Formular ausfüllen oder sich mit Ihren Facebook-Konto anmelden, um Kommentare schreiben zu können.

 

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

 

Zum Absenden bitte folgende Aufgabe lösen: * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.