0 Erfolg rechtfertigt gar nichts! Teil 2

Das nachfolgende Interview mit  dem Tübinger Theologieprofessor Hans Küng veröffentlichen wir im Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Interviewer Anna Marohn und Christian Tenbrock (Quelle: DIE ZEIT 04.01.2010.

Teil 2:  „Die Ökonomen haben uns eine Scheinsicherheit vorgegaukelt“

ZEIT: Woran lag das?

Küng: Das lag einerseits am Versagen einzelner Führungspersonen, aber auch am Versagen der Wissenschaft.

ZEIT: Der ökonomischen Wissenschaft?

Küng: Genau. Die Ökonomen haben uns allen mit ihren mathematischen Modellen eine Scheinsicherheit vorgegaukelt, die absolut nicht zu erreichen war. Sie spiegeln einfach nicht die Wirklichkeit wider. All diese Modelle haben die Voraussetzung des ständigen Fortschritts, nach dem Motto: Es geht immer voran, und wenn es mal runtergeht, dann ist es nur vorübergehend. Solche Modelle haben alle geblendet. Aber auch die internationalen Organisationen haben versagt.

ZEIT: Kann man wirklich einzelne Akteure oder Organisationen verantwortlich machen, weil sie sich vielleicht zu wenig auf moralisch-ethische Rahmenbedingungen besonnen haben? Liegt es nicht am System? Am Kapitalismus?

Küng: Ich habe 1990 gesagt, dass es die Marktwirtschaft ist, die sich durchgesetzt hat. Nicht der Kapitalismus.

ZEIT: Ob Marktwirtschaft oder Kapitalismus, ist nicht beider Ethik die Erfolgsethik: zu machen, was funktioniert und was Profit bringt?

Küng: Eine Erfolgsethik ist, mit Verlaub, keine Ethik. Der Erfolg als solcher rechtfertigt gar nichts. Dann wäre auch der Aufseher eines Konzentrationslagers erfolgreich. Natürlich ist Erfolg in der Ökonomie außerordentlich wichtig. Aber er darf nicht zur Norm gemacht werden. Das Manifest sagt deutlich: Wir benötigen Eigeninteresse, persönliche Initiative und Wettbewerb. Nur muss eben überall dort auch Moralität und Integrität gelebt werden. In der sozialen Marktwirtschaft der Bundesrepublik war das ja auch mehr oder minder immer der Fall. Darüber müssen wir reden, nicht über den Kapitalismus. Eine um die ökologische Ausrichtung ergänzte soziale Marktwirtschaft ist das einzige System, das auf Dauer funktionieren kann. Bei uns und weltweit.

ZEIT: Aber warum soll ein Unternehmer ethisch handeln, wenn er dadurch ein Geschäft verliert?

Küng: Weil er langfristig denken sollte! Auf lange Sicht wird unethisches Verhalten immer negative Folgen haben. Erstens kommt unmoralisches Wirtschaften unter Umständen in Konflikt mit den Gesetzen. Irgendwann wird man halt erwischt – die Korruption bei Siemens war dafür das beste Beispiel. Zweitens benötigt ein Geschäftsmann Vertrauen und Verlässlichkeit, um effizient wirtschaften zu können. Kurzfristig kann er versuchen, seinen Partner über den Tisch zu ziehen, auf Dauer wird ihm das schaden. Und drittens benötigt ein Unternehmen Glaubwürdigkeit. Keine Firma kann in ihrer Gemeinde, ihrem Land und bei ihren Beschäftigten und Kunden erfolgreich sein, wenn sie wiederholt gegen die Gebote des Anstands verstößt. Gegen die öffentliche Meinung kann sich ein Unternehmen auf Dauer nicht durchsetzen.

ZEIT: Herr Küng, es gibt seit Langem überall anerkannte Normen – zum Beispiel die Regeln der Internationalen Arbeitsorganisation gegen Kinderarbeit. Aber Kinderarbeit ist in vielen Ländern nach wie vor Realität, weil sie wirtschaftliche Vorteile bringt. Da ist das Gewinnstreben doch stärker als jeder erhobene Zeigefinger!

Küng: Seien Sie doch nicht so simplistisch. In Europa verhält es sich mit der Kinderarbeit schon anders als in Indien – und auch wir haben uns verändert. Meine Mutter kommt aus einer Schweizer Bauernfamilie, da haben natürlich noch alle Kinder mitgearbeitet. Man muss freilich gleichzeitig auf eine gute Schuldbildung achten. Viele international tätige Firmen haben das realisiert. Der Hamburger Otto-Versand ist dafür ein gutes Beispiel. Zudem gibt es Selbstkontrollen bei Sportartikeln oder Teppichen und vieles mehr. Das alles ist natürlich ein langfristiger Prozess, und alles fängt mit dem Bewusstsein an. Kluge Unternehmensführer wissen das.

ZEIT: Aus Überzeugung oder weil es gut für das Marketing ist?

Küng: Warum nicht aus beiden Gründen? Moral und persönliches Interesse können doch Hand in Hand gehen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber liebe dich ruhig auch selbst.

ZEIT: Sagen Sie das auch der indischen Familie, die meint, ohne die Arbeit der Kinder nicht auszukommen?

Küng: Natürlich. Wir können auch in Indien nicht von einem Tag auf den anderen eine vollkommen andere Ökonomie auf die Beine stellen. Da sollte man einer indischen Familie, die das Geld braucht, nicht mit Moralappellen kommen. Jede ethische Norm muss angewendet werden auf die bestimmte Situation. Eine Norm ohne Situation ist leer. Umgekehrt ist eine Situation ohne Norm blind. Man benötigt beides, um eine konkrete Entscheidung zu treffen.

Teil 3 erscheint am 29.01.: „Früher gab es noch das Ideal des ehrenwerten Kaufmanns“

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