1 Lebensmittelqualität und Verbrauchermacht

Unter dieser Überschrift steht eine aktuelle Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Instituts Fresenius, Taunusstein. Die Studie belegt unter anderem, dass die deutschen Verbraucher um ihre Einflussmöglichkeiten für bessere Lebensmittelqualität wissen, aber sie zu wenig nutzen:

So sagen 82 % der Befragten, dass die Kaufverweigerung das wichtigste Einflussmittel sei, aber nur 23 % schöpfen nach der Befragung ihre Einflussmöglichkeiten für bessere Lebensmittelqualität auch wirklich voll aus.

Lebensmittelqualität ist immer häufiger Gegenstand öffentlicher Debatten. Dioxine in Eiern, übertriebene Werbeversprechen und nicht artgerechte Tierhaltung sind Themen, die die Öffentlichkeit bewegen. Erst kürzlich hat die  Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ilse Aigner, das neue Portal des Verbraucherzentrale Bundesverbands www.lebensmittelklarheit.de vorgestellt und eröffnet. Auf dieser Internetseite können Verbraucher sich über die Hersteller beschweren, bei denen Aufmachung oder Kennzeichnung eines Lebensmittels irreführend oder täuschend ist.

Wie die Befragung zeigt, ist den Verbrauchern ihre wichtige Rolle bei der Verbesserung der Lebensmittelqualität durchaus bewusst. Für immerhin 71 % sind nämlich die Verbraucher selbst eine der wichtigsten Instanzen, wenn es darum geht, eine bessere Lebensmittelqualität zu erreichen. Für geringfügig wichtiger werden nur die staatlichen Kontrollbehörden, z.B. die Ämter für Lebensmittelüberwachung, gehalten.

Trotz dieses „Bewusstseins der Stärke“ ist der Glaube an den eigenen Einfluss jedoch deutlich geringer. Lediglich 50 % der Verbraucher sprechen von einem großen oder sehr großen Einfluss. Die andere Hälfte glaubt nicht daran, großen Einfluss auf die Lebensmittelqualität nehmen zu können. Als besonders pessimistisch zeigen sich die Ostdeutschen, bei ihnen sind es 61 %, die nicht an ihren Einfluss auf die Lebensmittelqualität glauben.

Die stärkste Waffe der Verbraucher ist für 82 % der Befragten die Kaufverweigerung, die  Entscheidung gegen ein Produkt im Laden also. 69 % empfehlen, Produkte von Unternehmen zu meiden, die in Lebensmittelskandale verwickelt waren und 65 % meinen, dass es hilft, sich beim Händler zu beschweren. Knapp die Hälfte setzt auf die Reklamation direkt beim Hersteller.

Deutlich zeigt die Studie allerdings auch, dass die Verbraucher faul sind. Sobald eine Maßnahme Engagement verlangt, wird der Zuspruch geringer. Nur 39 % der Befragten halten eine Information durch Testzeitschriften für sinnvoll. Ganze 14 % sehen im direkten Dialog mit den Unternehmen eine sinnvolle Option. Webseiteneintrag, E-Mail oder Brief – nein danke!

Somit ist Bequemlichkeit das Hauptmotiv für fehlenden Verbrauchereinfluss. Auch wenn die Einflussmöglichkeiten einem immer größeren Verbraucherkreis immer bewusster werden, sie werden nicht genutzt. Mehr als 50 % glauben nicht, dass sie ihre Möglichkeiten nutzen. Lediglich 25 %, jeder Vierte, ist davon überzeugt, seine Einflussmöglichkeiten ausreichend zu nutzen. Insbesondere bei höheren Einkommen scheitert Engagement häufig an einem als zu hoch empfundenen Aufwand.

31 % (überwiegend niedrige Haushaltseinkommen) glauben erst gar nicht an die Einflussmöglichkeiten des Einzelnen, mangelndes Wissen spielt bei 16 % eine Rolle. Anmerkung der Redaktion: Interessant und aufschlussreich wäre in einer solchen Studie sicher auch der Bildungsstand auch der Befragten.

Eine wichtige Rolle bei der Bewusstmachung der eigenen Stärke spielen die Medien. So sagen 52 %, dass sie kritische Berichte in den letzten Monaten häufiger gelesen oder gesehen haben. Weitere 34 % tun dies immerhin ab und zu. Bei vielen von denjenigen, die ihr Kaufverhalten aufgrund kritischer Berichte geändert haben, war dies eine dauerhafte Änderung (57 %).

Wer Einfluss auf Lebensmittelqualität nehmen will, der muss diese erst einmal erkennen können. Wie gut die Verbraucher dies können, hängt stark von Komplexität und Verarbeitungsstand des Lebensmittels ab. Hierzu sagt die Studie:

Unverarbeitete, frische Ware wie Obst und Gemüse zu beurteilen, trauen sich 86 % der Bevölkerung zu. Bei Backwaren beim Bäcker sind es 82 %, beim Fleisch von der Fleischtheke 69 % und beim Käse von der Käsetheke immer noch 67 %.

Je verarbeiteter und komplexer ein Lebensmittel jedoch ist, desto schwieriger wird es für die Verbraucher, die Qualität einzuschätzen. So glauben nur 35 %, dass sie die Qualität eines Fruchtsaftes erkennen können. Ganz schwierig wird es bei Fertigprodukten – seien sie ungekühlt (14 % trauen sich ein Urteil zu) oder tiefgekühlt (17 %).

„Bemerkenswert sind die großen Unterschiede zwischen verpackten und unverpackten Waren. Ist das Fleisch verpackt, trauen sich nur noch 20 % eine Qualitätseinschätzung zu, bei Käse sind es nur 24 % und bei Backwaren 28 %. Das ist bedeutend weniger als bei den unverpackten Produkten. Bei verpackten und verarbeiteten Produkten fehlt es den Verbrauchern an Transparenz, um die Waren zu beurteilen. Hier ist noch Verbesserungspotential bei den Produkten vorhanden“, so Dr. Christian Hummert.

Ein zunehmend wichtiger Qualitätsfaktor ist die artgerechte Tierhaltung. Neben Frische (88 %), regelmäßigen Kontrollen (81 %), Qualität der Zutaten ( 70 %) ist das Tierwohl für 69 % ein wichtiger Qualitätsfaktor.

Damit messen die Verbraucher einer artgerechten Tierhaltung größere Bedeutung bei als der regionalen Herkunft (58 %), den enthaltenen Zusatzstoffen (55 %) und ob es sich um ein Bio-Produkt handelt (37 %). Insbesondere in Süddeutschland gilt das Tierwohl mit 80 % sehr häufig als Qualitätsfaktor.

Die größte Furcht befällt Verbraucher, wenn es um Schadstoffe in Lebensmitteln geht. Eine Belastung von Obst und Gemüse durch Pflanzenschutzmittel fürchten 78 %. Eine generelle Furcht vor Schadstoffen teilen 69 %. Auch in dieser Fragenkategorie spielt die artgerechte Tierhaltung eine wichtige Rolle, 56 % sorgen sich um das Tierwohl. Radioaktive Belastung ist lediglich für 35 % von Bedeutung.

Mogelpackungen bleiben ein Ärgernis!

Wie bereits in der „SGS Institut Fresenius Verbraucherstudie 2010“ festgestellt und in der aktuellen Studie bestätigt, hat die Hälfte der Bevölkerung Sorge, dass die Verpackungsangaben nicht stimmen. 50 % der Verbraucher fürchten, dass wichtige Angaben auf der Verpackung fehlen oder nur versteckt auftauchen.

Obwohl häufig ein Dienstleister für Industrie und Handel, leistet das Fresenius Institut Taunusstein mit seiner jährlichen Studie einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des allgemeinen Verbraucherbewusstseins und zeigt gleichzeitig mit erschreckender Deutlichkeit, wie viel Kleinarbeit noch nötig sein wird, bis Diskussionen zwischen Verbrauchern und Industrie auf Augenhöhe erfolgen werden.

Wir werden dies an einem Beispiel aus dem Bereich der Lebensmittelkontrolle in einem unserer nächsten Beiträge aufzeigen.

 

 

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  • 1
    Jeannette Nold

    Lieber Herr Klemke – eine kleine Anmerkung zum Artikel in der FAZ und im HH Abendblatt und zu den sonstigen vielen Artikeln und Diskussionen. Was nützt eine Gesetzesänderung der Haltungsbedingungen, wenn der Einzelne keine Bewußtseinsänderung vollzieht – nämlich bereit zu sein Fleisch aus artgerechter Haltung zu kaufen, gezielt seinen Ernährungsplan umzustellen und wenn er schon Fleisch isst, es als etwas Besonderes anzusehen und zu würdigen. Die Konsumenten bestimmen die Wirtschaft – die Nachfrage bestimmt das Angebot. Ich würde mir mal wieder – sarkastisch gesagt – einen Virus- oder Hormonskandal wünschen – es muß den Menschen an den eigenen Kragen gehen, dann bewegt sich vielleicht etwas. Wen erreicht man heute noch mit Mitleid??? Wenn man mit vollem Teller vor der „Glotze“ sitzen kann und mit Genuß sein Essen vertilgt wenn hungernde Kinder aus Ostafrika gezeigt werden – wer wundert sich dann noch über „Hähnchenschenkel „verzehrende Mitmenschen während der Ausstrahlung der Wiesenhofsendung im TV??? Bon appetit! Es grüßt Sie Jeannette Nold

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