0 Täuschen, tricksen, mehr verdienen
Mogeln auf gesetzlicher Grundlage

So unglaublich sie sich anhören mag, so wahr ist unsere Überschrift. Die von den Verbraucherzentralen und anderen Verbraucherschutzorganisationen als Mogelpackungen bezeichneten Verkaufsverpackungen etlicher Food- und Nonfood-Artikel sind weder illegal noch sonst wie rechtswidrig. Vielmehr genügen sie dem, was die europäische Gesetzgebung seit 2009 und das Eichgesetz (§ 7 Abs. 2 („Fertigpackungen müssen so gestaltet und befüllt sein, dass sie keine größere Füllmenge vortäuschen, als in ihnen enthalten ist.“) seit fast 40 (!) Jahren regelt.

Seit April 2009 sind die Packungsgrößen von Lebensmitteln und allen anderen Arten von verpackten Erzeugnissen wie Waschmittel, Wolle, Lacke usw. freigegeben. In der „unschuldigen“ Begründung des Europäischen Parlaments heißt es dazu: „Die Rechtsvorschriften über Packungsgrößen sollen sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene aufgehoben werden, damit Verbraucher und Hersteller von Konsumgütern größere Freiheit genießen.“

Ein Freiheitsgenuss, den – wie sich mehr und mehr herausstellt und von einer Ausnahme abgesehen – fast ausschließlich Hersteller und Handel erleben dürfen. Der einzige echte Vorteil zugunsten der Verbraucher ist nämlich die mit der Freigabe der Packungsgrößen entstandene Möglichkeit, stärker auf den Bedarf von Singlehaushalten einzugehen.

Ansonsten nützt die so gelobte Freiheit nur den Herstellern und dem Handel. Dabei nutzen besonders die Hersteller seit der Aufhebung der Nennfüllmengen die große Freiheit der versteckten Preiserhöhung. Die Rezepte dazu lauten: Reduzierte Füllmenge bei gleicher Verpackung oder geringfügigst veränderter Verpackung bei gleichzeitiger Mindermenge.

Wer sich über die „Mengenmogler“ informieren möchte, der ist bei der Verbraucherzentrale Hamburg gut aufgehoben. Dort beschäftigt sich schon seit längerem Armin Valet intensiv mit dem Thema Mogelpackungen und informiert auf der Internetseite der VZ Hamburg regelmäßig über das Thema.

Die „weichen“ Regelungen des Eichgesetzes werden bei den häufig anzutreffenden „Luftverpackungen“ ausgenützt. Der Trick dieser Luftverpackungen besteht nämlich ganz einfach darin, „mehr Schein als Sein“ darzubieten. Sie suggerieren den Verbrauchern mehr Inhalt als tatsächlich in ihnen enthalten ist. Das Eichgesetz sagt zwar, dass Verpackungen von Fertigprodukten nicht so gestaltet sein dürfen, dass sie größere Füllmengen vortäuschen, sie dürfen aber bis zu 30 % Luft enthalten. Und selbst wenn es mehr als 30 % sind, muss es sich noch nicht um eine Mogelpackung handeln, weil sich Füllmengen (z.B. durch Transport oder Lagerung) durch Verdichtung verringern können. Gerne wird dem Vorwurf der Mogelpackung damit begegnet, dass kleine Sichtfenster in die Packungen gesetzt werden, so kann der Verbraucher die Füllhöhe erkennen.

Kritik an den Luftverpackungen ist aber auch aus einem weiteren Grund angebracht: Größere Verpackungen bedeuten größeren Transportaufwand, bedeuten höheren Energieverbrauch und mehr überflüssigen (!) Müll.

Beispiele für Verpackungen mit viel Luft lieferte die Sendung Servicezeit vom 24. Juni 2011 im WDR-Fernsehen. Von Gille über Henkel, Fisherman’s Friend und Knorr bis zu Giotto von Ferrero reicht die Liste der „Luftverkäufer“. Allesamt Firmen, die Umweltbewusstsein und Verbraucherorientierung für sich reklamieren.

Dass die Regelungen des Eichgesetzes zu lasch und herstellerfreundlich sind, beklagen sogar Mitarbeiter der Eichämter und auch die Politik hat zwischenzeitlich erkannt, dass es hier dringenden Handlungsbedarf gibt, weist aber darauf hin, dass Neuregelungen EU-weit gelten müssten.

Ein weiterer Trick der Mogelspezialisten ist die Werbung mit Qualitäts- und Testsiegeln. Dabei wird besonders gerne das Testergebnis eines Produkts bildlich in direkte Verbindung zu einem anderen, nicht getesteten Produkt gesetzt. Für Verbraucher entsteht so der falsche Eindruck, dass das beworbene Produkt positiv aus einem Test hervorgegangen sei. In unserem Beispiel wirbt die Firma Nivea für eine Augencreme für Männer. Getestet wurde jedoch nicht die Augencreme, sondern ein anderes Produkt aus der Pflegeserie.

Viele Verbraucher glauben sich etwas Gutes zu tun, wenn sie auf die sogenannten Light-Produkte zurückgreifen. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn sich dann herausstellt, dass diese – oft teureren – Artikel nicht weniger ungesund sind als das Original.  So gibt es den Fall, dass das Light-Produkt mehr Kohlehydrate hat als das Original (Aldi Stapelchips) oder mehr Kalorien trotz weniger Zucker (Nesquick Light). In anderen Fällen wird mit dem Begriff „Zucker“ getrickst, statt Kristallzucker wird Gerstenmalzextrakt verwendet und das besteht aus Aminosäuren und Zucker (Aldi Cornflakes) – Quelle: Servicezeit, WDR).

Diese kurze Übersicht über die Gefahren, beim täglichen Einkauf zum Opfer der Tricks und Finten der Spezialisten aus Werbung und Marketing zu werden, zeigt vor allem eins: Die gesetzlichen Regelungen zum Thema Verpackung, Füllmengen und Produktbeschreibungen sind vielfach zu lasch und herstellerfreundlich. Auch wenn die Notwendigkeit zur Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen erkannt ist, wird es noch eine ganze Weile dauern, bis den Mogelpackungen ein wirksames Verbot entgegensteht.

Bis es soweit ist, gilt es, am Regal zu zeigen, dass nicht mehr jeder Bauernfängertrick verfängt. Ein Hersteller, der seine Mogelpackungen nicht mehr verkaufen kann, der wird sehr schnell den Weg zu fairerem Handeln finden.

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