0 Zitate in Printmedien: Wurde das wirklich so gesagt?

Unter dem Titel „Adieu Klimadonna“ setzt sich der Autor Frank Drieschner in DIE ZEIT Nr.24 mit der Frage auseinander, ob Umweltpolitik der Bundesregierung, insbesondere der Kanzlerin, im eigenen Land als eine Unterwerfung unter die Interessen der Autolobby gesehen werden muss.

Im Verlauf des Artikels wird die Bundeskanzlerin damit zitiert, dass sie zum Thema Energiesparen gesagt haben soll, dass Energie zu sparen „Bürgerpflicht“ in den „eigenen vier Wänden“ sei.

Diese, unserer Meinung nach völlig richtige Aussage, die eine klare Abkehr vom allseits beliebten Sankt-Florians-Prinzip bedeutet, ist allerdings nur sehr selten in den Medien aufgetaucht. Wir sind deshalb auf Quellensuche gegangen und haben (bisher) Erstaunliches festgestellt.

Wie erwähnt, haben wir das Zitat gefunden in DIE ZEIT. Unsere telefonische Rückfrage beim Verfasser Frank Drieschner ergab, dass als Quelle die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG gedient hatte.

Dort war unter dem Titel „Et in Arcadia Öko“ ein Beitrag über energieeffizientes Wohnen veröffentlicht worden, in dem das Zitat auftaucht. Unsere Nachfrage beim Verfasser dieses Artikels, Gerhard Matzig ergab folgendes …

Sehr geehrter Herr Klemke,

ich muss Sie leider enttäuschen: Auch das Archiv der SZ ist dem Original-Zitat nicht auf die Spur gekommen. Nur anderen Quellen wie „Zeit“ oder „Greenpeace Magazin“ – aber auch dort wird nicht deutlich, wann die Kanzlerin das konkret gesagt hat.

Mit Bedauern, aber auch mit besten Grüßen

Gerhard Matzig


Daraufhin, fragten wir beim Bundespresseamt und im Referat Bulletin der Bundesregierung nach. In beiden Fällen konnte das Zitat nicht nachvollzogen werden. Allerdings erhielten wir eine überraschende Information:

Es ist zur journalistischen Gepflogenheit geworden, dass Zitate von Politikern aus dramaturgischen Gründen zugespitzt werden. Trotz dieser Veränderung werden sie danach jedoch immer noch als Originalzitat dargestellt.

Um für den Fall des aktuellen Zitats „Energiesparen als Bürgerpflicht in den eigenen vier Wänden“ zu klären, was nun tatsächlich gesagt wurde, haben wir jetzt beim Bundeskanzleramt nachgefragt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Mitarbeiter des Internetportals www.gluecklich-leben.de beschäftige ich mich mit dem Thema „bürgerschaftliches Engagement“ und Partizipation.

Bei Recherchearbeiten stieß ich auf einen Artikel in der Zeitung DIE ZEIT („Adieu Klimadonna“) und auf die auszugsweise Wiedergabe eines Zitats der Bundeskanzlerin bei dem es darum geht, dass Energiesparen eine „Bürgerpflicht“ in den „eigenen vier Wänden“ sei.

Auf meine Nachfrage beim Verfasser des Artikels (Frank Drieschner), wo sie denn das gesagt habe, erfuhr ich, dass er für dieses Zitat als Quelle nur die Süddeutsche Zeitung nennen konnte.

Dort nachgefragt („Et in Arcadia Öko“, Verfasser Gerhard Matzig), versuchte man die Originalquelle zu recherchieren, dies leider erfolglos. Ich erfuhr lediglich, dass es in einer Rede kurz vor dem Weltklimagipfel gewesen sein soll.

Mit dieser Information fragte ich beim Bundespresseamt und beim Referat Bulletin nach. Beide Anfragen brachten ebenfalls kein Ergebnis. Allerdings die interessante Information, dass es „journalistische Gepflogenheit“ geworden sei, Zitate im Interesse einer größeren Aufmerksamkeitswirkung „zuzuspitzen“ (zu verändern also!), diese dennoch aber als Original-Zitat zu kennzeichnen. Eine Vorgehensweise, die den Umgang mit Printmedien erheblich verändern dürfte.

Nicht zuletzt deshalb wende ich mich heute an Sie, die letzte und vermutlich auch einzige Instanz, die mir eine abschließende und verbindliche Auskunft darüber geben kann, ob und wo diese Aussage („Bürgerpflicht“ und „in den eigenen vier Wänden“ im Zusammenhang mit dem Energiesparen) von der Bundeskanzlerin gemacht wurde.

Ich danke Ihnen für Ihre Bemühungen.

Mit freundlichen Grüßen

Dieter Klemke

50Plus Deutschland GmbH & Co.KG

Diesen E-Mail Schriftverkehr und die erwähnten Details veröffentlichen wir auf der Internetseite www.gluecklich-leben.de

Zwischenstand 28.07.2008

Da wir bis heute noch keine Reaktion auf unsere Anfrage erhalten haben, wurde die o.g. Mail über das Kontaktformular der Internetseite der Bundeskanzlerin. erneut versandt.

Zwischenstand 31.08.2008

Telefonisch teilte uns Herr Brücher vom Bundespresseamt mit, dass das gesuchte Zitat nicht verifizierbar sei und man davon ausgehen würde, dass das so nicht von der Kanzlerin gesagt worden ist. Weitere Recherchemöglichkeiten sind nicht gegeben.

Wir werden jetzt bei den Redaktionen der ZEIT und der SÜDDEUTSCHE ZEITUNG nachfragen, ob es üblich ist, Zitate ohne Prüfung der Quelle zu veröffentlichen und ob wahr ist, was wir beim Bundespresseamt erfuhren, dass nämlich Zitate „aufgeschönt“ werden, um ihren Aufmerksamkeitswert zu steigern.

red/dk

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