0 Die Nachhaltigkeitstester

Lässt sich die ökologische und soziale Performance von Unternehmen messen? Ja, sagen die Anbieter von Nachhaltigkeitsratings  und beeinflussen mit ihren Urteilen nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch milliardenschwere Entscheidungen von Investoren.

„Miss alles, was sich messen lässt, und mach alles messbar, was sich nicht messen lässt.“, soll Galileo Galilei einmal gesagt haben. Auch wenn er dabei wohl kaum an die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen dachte – die Anbieter von CSR-Ratings berufen sich gerne auf dieses Zitat. Sie versuchen das, was sich hinter den Begriffen Corporate Social Responsibilty (CSR) und Nachhaltigkeit verbirgt, messbar zu machen.

Vor allem große, börsennotierte Konzerne werden von ihnen hinsichtlich ökologischen und sozialen Kriterien analysiert und bewertet. Vorbildliche Unternehmen, so die Idee, bekommen ein gutes Rating und werden von Investoren und Kunden belohnt. Unternehmen, bei denen Umweltverschmutzung und Mitarbeiter-Mobbing der Normalfall sind, erhalten ein schlechtes Rating und werden durch Kapitalentzug und Konsumentenboykotte zum Umdenken gezwungen.

In den letzten Jahren haben nachhaltige Geldanlagen einen beeindruckenden Boom erlebt. Als Treiber und zugleich Nutznießer dieser Entwicklung sind unzählige kleine Rating-Agenturen entstanden, die Informationen über die soziale und ökologische Performance von Unternehmen ermitteln und an zumeist institutionelle Anleger verkaufen. Hinzu kommen Betreiber von Wertpapierindizes wie dem Dow Jones Sustainability Index und eigene Analyse-Abteilungen von Banken. Sie alle stehen vor der Aufgabe, das CSR-Engagement von Unternehmen zu bewerten. Doch wie misst man etwas, das sich kaum eindeutig definieren und quantifizieren lässt?

Unterschiedliche Ansätze = unterschiedliche Ergebnisse

Die meisten Rankings fußen auf internationalen Standards wie den OECD-Richtlinien für multinationale Unternehmen oder den ILO-Arbeitsnormen. Doch hier enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Eine Studie der Universität Stuttgart im Auftrag der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2006, die rund 60 CSR-Ratings genauer unter die Lupe genommen hat, offenbart sowohl bei den Erhebungskriterien als auch bei deren Gewichtung deutliche Unterschiede. Zudem bewerten einige Ratings absolut, andere im Branchenkontext, also im Vergleich mit den Wettbewerbern. Und auch der grundsätzliche Fokus differiert. Risikobewertungsansätze etwa analysieren, welche Gefahren sich aus ökologischem und sozialem Fehlverhalten für das Unternehmen ergeben können und welcher wirtschaftliche Schaden damit verbunden ist. Ansätze der Unternehmenswertsteigerung dagegen beurteilen, inwieweit durch ein gutes CSR-Management Wettbewerbsvorteile gegenüber Konkurrenten realisiert werden können. Es überrascht daher nicht, dass die verschiedenen Ansätze häufig zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen. Ein Beispiel: Shell, das bei der Rating-Agentur Management & Excellence vorne liegt, kommt bei der Schweizer Organisation Covalence gerade mal auf Platz 203 von 208 untersuchten Unternehmen.

Die unterschiedlichen Methoden und Ergebnisse der CSR-Ratings führen leicht zu dem Eindruck einer gewissen Willkür. Dem könnte am besten durch eine maximale Transparenz seitens der Anbieter begegnet werden. Doch wer wissen möchte, wie ein bestimmtes Rating zustande gekommen ist, erhält oft nur spärliche Informationen. Vor allem die Frage, wie Daten überhaupt generiert werden, bleibt häufig unbeantwortet. Zwar schreiben fast alle Anbieter die zu bewertenden Unternehmen an – doch ob und wie deren Angaben überprüft und durch Informationen anderer Quellen ergänzt werden, ist unklar. Eine Ausnahme bildet hier die Münchener Rating Agentur Oekom Research. Nach eigener Auskunft führt sie Telefoninterviews mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs), wissenschaftlichen Instituten und Behörden durch. Darüber hinaus werden Zeitungen, Fachzeitschriften und Newsletter ausgewertet. Ein solcher Aufwand ist für die meisten Anbieter aber schon aus personellen Gründen kaum zu bewerkstelligen. Meist liegt die Betriebsgröße bei höchstens zehn bis fünfzehn Mitarbeitern. Der Verdacht einiger NGOs, dass viel PR seitens der Unternehmen oft auch zu einem guten Rating führt, erscheint daher nicht ganz unbegründet.

Zunehmende Kritik an Ratings

Für Ärger in der Branche sorgt immer wieder, dass sich einige Rating-Agenturen parallel zu den Unternehmensbewertungen auch als Unternehmensberater betätigen. In einem Diskussionspapier von Econsense – einem Zusammenschluss führender deutscher Konzerne wie VW, BMW, Bayer oder Deutsche Bank zum Thema Unternehmensverantwortung – heißt es: „Mitunter werden diese Funktionen so verquickt, dass Unabhängigkeit und Objektivität der Ratingaktivitäten in Frage gestellt sind oder in Frage gestellt zu werden drohen. Unternehmen haben hier eine Reihe einschlägiger Erfahrungen gemacht.“ Als Beispiel für diese „einschlägigen Erfahrungen“ nennt Thomas Koenen, Geschäftsführer von Econsense, das von Kirchhoff Consulting initiierte „Good Company Ranking“. Kirchhoff erstellt vor allem Geschäftsberichte, hat die CSR-Beratung und -Berichterstattung aber als zusätzlichen Markt für sich entdeckt. Gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte wertet Kirchhoff alle zwei Jahre die CSR-Berichte großer Konzerne aus und bildete daraus eine Rangfolge der sozialsten und ökologischsten Unternehmen. Veröffentlicht wurde das „Good Company Ranking“ zum ersten Mal 2005 im Manager Magazin. Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung erhielten alle gerankten Unternehmen Post von Kirchhoff. Das Unternehmen bot darin seine Beratungsdienste im CSR-Bereich an.

Als Reaktion auf die zunehmende Kritik an den CSR-Ratings haben sich einige Anbieter zu einer „Association for Independent Corporate Sustainability and Responsibility Research“ (AICSRR) zusammengeschlossen. Gemeinsam haben sie einen freiwilligen Qualitätsstandard für CSR-Ratings entwickelt, der das Vertrauen in die Research-Organisationen fördern soll. Alle Rater, die den Standard unterzeichnen, verpflichten sich zur Einhaltung von elf Grundsätzen, die Qualität und Transparenz gewährleisten sollen. Dazu gehört beispielsweise, „die Bewertung von Unternehmen unter Verwendung von Informationen vorzunehmen, die über die vom Unternehmen selbst vorgelegten Informationen hinausgehen“, also von Behörden, Universitäten oder Nichtregierungsorganisationen stammen. Zudem sollen „Black-Box-Ansätze“ vermieden werden. Es soll für jeden Außenstehenden ersichtlich sein, wie die Beurteilung eines Unternehmens zustande gekommen ist. Dazu müssen auch alle Tätigkeiten aufgeführt sein, die im Auftrag von Unternehmen durchgeführt werden.

Entscheidend wird sein, ob es gelingt, den Qualitätsstandard so glaubwürdig umzusetzen, dass das Vertrauen von Kunden und Investoren erhalten bleibt. Ansonsten könnte es den Rating-Agenturen bald so ergehen wie den Unternehmen, die Gegenstand ihrer Bewertungen sind. In der Branche wird bereits über ein „Rating der Rater“ nachgedacht.

red/fr

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