0 Ökolonomie: Wirtschaft plus Ökologie

Das Bild vom langhaarigen „Müsli-Man“, der mit seiner wirtschaftsfeindlichen Fundi-Ökologie nur Arbeitsplätze gefährdet, ist out. Umweltschutz kostet Geld, noch mehr Geld kostet eine Wirtschaft ohne Umweltschutz. Für rohstoffarme Länder wie Deutschland, Österreich und die Schweiz empfiehlt es sich schon aus ökonomischen Gründen, in Industriezweigen wie dem Bau von Spitzentechnologie zur Gewinnung erneuerbarer Energien allererste Sahne anzubieten.

Dem Gegensatz den Garaus gemacht

Ende Oktober 2006 machte der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank, Nicholas Stern, dem angeblichen Gegensatz von Ökologie und Ökonomie eigenhändig den Garaus. „Die Kosten des Klimawandels werden, wenn nicht gehandelt wird, dem Verlust von wenigstens 5 % des globalen Bruttoinlandsprodukts entsprechen. Wenn man eine breitere Palette von Risiken und Einflüssen berücksichtigt, könnten die Schäden auf 20 % des Bruttoinlandsprodukts ansteigen,“ heißt es in der deutschsprachigen Zusammenfassung des Stern-Reports, der als „Understanding the regional impacts of climate change“ erschienen ist.

Neue Märkte bei Bekämpfung der CO²-Emissionen

Die Welt braucht sich nicht zwischen der Vermeidung des Klimawandels und der Förderung von Wachstum und Entwicklung zu entscheiden, lautet die tröstliche Botschaft des Leiters des volkswirtschaftlichen Dienstes der britischen Regierung. Die Bekämpfung des Klimawandels ist langfristig gesehen eine Strategie für mehr Wachstum und kann erfolgen, ohne die Wachstumsambitionen sowohl der reichen als auch der armen Länder zu behindern. Maßnahmen gegen den Klimawandel schaffen neue Märkte, zum Beispiel für abgasarme Energietechnologien.

Energische Schritte erforderlich

Innovationen zum Einsatz kohlenstoffarmer Technologien müssen gefördert werden, verlangt Wirtschaftsfachmann Stern. Die Unterstützung von Energieforschung und Entwicklung neuer Technologien sollte sich nach seiner Ansicht weltweit mindestens verdoppeln. Die Subventionen für den Einsatz solcher neuen Formen der Energiegewinnung sollten um das Fünffache wachsen. Die Öffentlichkeit muss laut Stern besser informiert werden, um Einstellungen und Verhalten zu verändern. Zahlreiche Länder und Regionen wie die Europäische Union, Kalifornien und China haben bereits die Initiative ergriffen, aber es ist noch ehrgeizigeres Handeln in der ganzen Welt erforderlich, fordert Stern.

Reich der Mitte erkennt die Sackgasse

Tatsächlich hat offenbar auch die Führung im Riesen-„Reich der Mitte“ erkannt, dass Wirtschaftswachstum ohne Umweltschutz in die Sackgasse führt. „China ist einer Krise gefährlich nahe“, schrieb kürzlich Pan Yue, Vizechef der staatlichen Umweltschutzbehörde, in einem offenen Brief. Nach einem Beschluss der Parteispitze wird China in den kommenden vier Jahren schätzungsweise 1,9 Billionen Yuan (180 Milliarden Euro) ausgeben, um in zwei Jahrzehnten entstandene Umweltschäden zu beseitigen.

Schaden frisst Erträge auf

Die Öko-Defizite in dem Land, in dem rund ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt, sind gigantisch. Nach Einschätzung der Weltbank wird Chinas Wirtschaft im Jahr 2007 um 9,6 % und im Jahr 2008 um 8,7 % zulegen. Die Schattenseite dieser Entwicklung: Die rund 1,3 Milliarden Menschen in China müssen immer öfter schwer belastete Luft einatmen und schlechtes Wasser trinken. Es werde mehrere Hundert Jahre dauern, bis das Wasser wieder sauber sei, meint Behörden-Vize Pan. Laut realistischen Schätzungen belaufen sich die Kosten für die verursachte Umweltverschmutzung auf 8 bis 13 % des jährlichen Nationaleinkommens. Damit würden praktisch alle wirtschaftlichen Erträge seit Ende der 70er-Jahre aufgezehrt.

Enormer Bedarf

„Der Bedarf in Sachen Umweltschutz ist enorm“, findet auch Arthur Hoffmann, Fondsmanager beim Schweizer Bankhaus Sarasin. „Die Chinesen haben große Probleme mit der Wasserversorgung“, sagt der Portfolio-Manager. Die Zahlen sind erschreckend: Nach Hoffmanns Angaben sind vier Fünftel der Flüsse verdreckt, nur ein Viertel der Abwässer wird überhaupt geklärt und ein Drittel der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Wasser. Neben dem Thema Wasser sind auch die Sparten Solar- und Windenergie für ausländische Unternehmen interessant. Bis 2010 sollen in China immerhin 10 % des Strombedarfs mit erneuerbaren Energien gedeckt werden.

„New Deal“ wie in den 1920er Jahren

„Die Märkte der Zukunft sind grün“, hat angesichts dieser gigantischen Exportmöglichkeiten auch der deutsche Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (47) die Chancen der „Ökolonomie“ erkannt. Der 47-jährige Sozialdemokrat präsentierte im vergangenen Oktober ein Memorandum für einen „New Deal“ von Wirtschaft, Umwelt und Beschäftigung: „Umwelttechnik made in Germany bringt neue Märkte, neue Produkte, neue Beschäftigung.“

Deutschland als Ingenieurbüro

Schon jetzt ist Deutschland bei der Entwicklung von Technologien zur Gewinnung erneuerbarer Energien in einigen Sparten wie Solarzellen-Fabrikation weltweit führend. Aber insgesamt sieht der Minister die deutsche Wirtschaft – vor allem bei der Verringerung des eigenen Kohlendioxyd-Ausstoßes – nicht auf Ballhöhe. Gabriel: „Wenn China die Werkbank der Welt ist, Russland die Zapfsäule, Indien der Dienstleister und Brasilien der Farmer – dann muss Deutschland das Ingenieurbüro sein!“

Neue Jobs – niemand merkt´s

Allein im Bereich der erneuerbaren Energien sind nach Darstellung des SPD-Politikers in den letzten Jahren 170.000 neue Jobs entstanden. Und der Trend setzt sich fort. Nach Angaben des Bundesverbandes der Solarwirtschaft (BSW) wird die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Solarbranche in diesem Jahr die 50.000er-Grenze überschreiten. Im kommenden Jahr dürften nach BSW-Angaben noch einmal knapp 8.000 neue Stellen dazukommen.

/ug in Teilen geändert DK

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