0 Deutschland 2050 – Ein Wintermärchen

In Deutschland werden Mitte dieses Jahrhunderts um die zehn Millionen Menschen weniger leben als heutzutage. Bevölkerungsprognosen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden prognostizieren, dass die Bevölkerungszahl von 82,4 Millionen auf 69 bis 74 Millionen Einwohner bis 2050 zurückgehen wird. Sicher ist, dass der Altersaufbau der bundesdeutschen Gesellschaft in viereinhalb Jahrzehnten statt einer Pyramide mit breiter jugendlicher Basis eher einem bayerischen Zwiebelturm gleichen wird.

Matt im solargetriebenen Auto

Maximilian Fünfziger ist froh, dass der Ausdruck traffic jam zu den aussterbenden Wörtern gehört. Nach seinem neunstündigen Arbeitstag hängt der 70jährige Ingenieur in einer Dortmunder Außenstelle des europäischen Verbunds der Erdwärme-Energieversorger auf den 70 Kilometern Heimweg durch das Ruhrgebiet immer etwas matt in seinem solargetriebenen Auto. Ampeln hat das Verkehrsministerium der Föderation europäischer Staaten (FEC) schon vor 20 Jahren durch eine konsequente Kreiselregelung ersetzt.

Keine Staus am Roundabout

Wegen des geringen Verkehrsaufkommens gibt es an den Roundabouts nie Staus. “Roundabout” – dem noch deutschsprachig aufgewachsenen Maximilian Fünfziger fällt mal wieder auf, dass sich die Europäer seit dem Machtverfall der Vereinigten Staaten von Nord- und Südamerika immer mehr ans britisch-indische Englisch halten. Wie dem auch sei: Die meisten Mitbürger arbeiten Online zuhause oder haben im Alter 60plus seit Jahren schlicht keinen Job mehr. Während der Auswanderungswelle zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren jährlich 150.000 Deutsche in die früheren USA, die damals noch nicht zur europäischen Föderation gehörende Schweiz oder im unvorstellbar frühen Rentenalter von 68 nach Portugal umgezogen. Inzwischen spielt Emigration im dünn besiedelten Deutschland keine Rolle mehr.

Wovon lebe ich mit 90?

Irgendwie fühlt sich Maximilian Fünfziger bei seiner täglichen Heimfahrt durch das verlassene Ruhrgebiet immer etwas deprimiert. Wahrscheinlich liegt es an den Kirchenruinen und der Dunkelheit in den ehemaligen Bergarbeiter-Siedlungen. Nur die Krankenhäuser leuchten im Novemberdunkel wie Luxusschiffe auf dem Ozean. Sie sind natürlich längst in Residences for Fit Seniors (rfs) umgewandelt worden. Immerhin hat sich die Zahl der über 80-jährigen im europäischen Föderationsland Deutschland wie in den meisten anderen FEC-Staaten seit Anfang des Jahrhunderts nahezu verdreifacht.

Und jetzt im Spätherbst boomen natürlich diese sentimentalen Wallfahrten zu Friedhöfen und Buddha-Tempeln. Die fernen Windlichter der demütigen Häuflein erinnern den geschichtsbewussten Ingenieur immer etwas an die Selbstgeißelungs-Prozessionen der Endzeit-Gläubigen Mitte des letzten Jahrtausends. Aber er muss zugeben: Im vergangenen Jahr sind in der Region Deutschland 600.000 Menschen mehr gestorben als geboren worden. Das fördert Weltuntergangsstimmung.

Einfamilienhaus nichts mehr wert

Heute macht sich Maximilian auf der düsteren Heimfahrt Gedanken über seine Altersvorsorge für die Zeit nach seiner Pensionierung mit 75. Die Kurse seines europäischen Pensionsfonds sind wegen des Wirtschaftsbooms in China im Keller. Im Einfamilienhaus, das seine verstorbenen Großeltern Ende des letzten Jahrhunderts auf dem Land gebaut haben, wohnen seit damals noch seine Eltern. Aber auch nach deren Tod wird das Anwesen mit dem großzügigen Garten mangels Nachfrage weder zu verkaufen noch zu vermieten sein. Es müsste auch aufwendig umgebaut werden: Die Großeltern hatten es mal als “Einfamilien-Haus” geplant.

Midlife-Crisis mit 60

Viele gleichaltrige Bekannte von Maximilian Fünfziger sind gerade aus der typischen Midlife-Crisis aufgetaucht, die irgendwann nach dem 60. Geburtstag fast jeden erwischt. Die meisten leiden darunter, dass es inzwischen doppelt so viele Menschen ihrer Altersgruppe wie Neugeborene gibt. Besonders schlimm hatte es seine Freundin Fatima Mitropoulos getroffen, deren Großeltern mütterlicherseits Ende des vergangenen Jahrhunderts aus der Türkei und väterlicherseits von einer griechischen Insel in den damaligen EU-Staat Deutschland zugewandert waren. Mit 55 war Fatima nach anderthalb Jahrzehnten Ehe geschieden worden. Die zweifache Tante war selbst noch in einer Familie mit drei Geschwistern aufgewachsen und litt vor ihrer Therapie extrem unter ihrer eigenen Kinderlosigkeit.

Auch Maximilian muss zugeben, dass ihm die anfangs umstrittenen “Meetings of Generations” (MG) am Donnerstagabend ganz gut tun. Die FEC-Regierung hatte die obligatorischen Treffen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Ende der 30er Jahre in der ganzen Föderation eingeführt – als Reaktion auf die Studentenkrawallen gegen die “Ausbeutung durch die Mümmelgreise”, bei denen es in Frankreich und Polen fünf Tote gegeben hatte.

Trost in der Teleputer-Community

Verflucht, jetzt wäre Maximilian beinahe ein wilder Esel vor seinen silbrigen Zweisitzer gelaufen. Der Ingenieur wischt die trüben Gedanken beiseite. Wenn er endlich in seine robotergeputzte Wohnung kommt, wird er schauen, was ihm seine elektronische Küche als Abendessen vorschlägt. Dann wird er sich am Teleputer eins von den alten Movies mit den kuriosen Raumfahrtvisionen anschauen. Falls sich auch andere aus seiner European Multinet-Community (EMC) gerade an diesem Abend denselben Film ausgesucht haben, wird er mit ihnen quer über den Globus ein wenig darüber diskutieren. Sein Jahresurlaub von Weihnachten bis kurz nach dem christlichen Neujahrsfest ist sowieso geritzt. Er freut sich auf die sonnigen Palmen-Strände an der skandinavischen Riviera südlich von Malmö. “Her mit den 40jährigen Schwedinnen!”, gönnt sich der 70jährige heimlich ein wenig Sexismus.

/ug

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