0 Rettet das Huhn

Endlich mal eine Nachricht über Geflügel, bei der es nicht um einen Futtermittel-, Antibiotika- oder Massentierhaltungsskandal geht, sondern schlicht und einfach um den achtsamen Umgang mit dem Lebewesen Huhn. „Rettet das Huhn“ ist eine im Jahr 2007 von Katja Tiepelmann gegründete Initiative, deren Ziel es ist, zum Einen  so viele ehemalige Legehennen wie nur möglich vor dem Tod im Geflügelschalchthof zu bewahrenund zum Anderen über die miesen Zustände und üblen Folgen der industriellen Eiererzeugung aufzuklären. Katja Tiepelmann und ihre ständig wachsende Unterstützer-Schar sind sich bewußt, dass sie weder den Wahnsinn der industriellen Eiererzeugung noch die unerträglichen Zustände der Massentierhaltung abstellen oder rückgängig machen können. Ihr Ziel ist es, Menschen zum Nachdenken über die Folgen eines weiterhin unkritischen Konsums für die Tiere, die Umwelt, Klima und letztlich die eigene Gesundheit zu bringen. Wie es um die Zustände in der deutschen und internationalen Geflügelindustrie – von Geflügelzucht im klassischen Sinne sollte man bei den Hybriden aus den Tierfabriken nicht mehr sprechen – zeigt passender Weise ein in diesen Tagen erschienener Artikel in dem monatlich erscheinenden Naturkostmagazin „Schrot & Korn“ (S&K). Dort ist man der Frage nachgegangen, warum die Bio-Geflügelhaltung immer wieder negative Schlagzeilen macht. Versagen die Regeln? Schlafen die Kontrolleure?

Zunächst erinnert der Beitrag an eine Sendung der ARD aus Anfang September 2013. Dort wurden Bilder aus einem Bio-Putenstall gezeigt, die den Glauben an die artgerechte Tierhaltung in Bio-Höfen nachhaltig gestört haben dürften. Junge Puten, halb nackt gerupft, mit blutig gehackten Köpfen taumeln durch den Lichtkegel einer Taschenlampe. Manche sind schon zu schwach um aufzustehen, daneben liegen tote Tiere. Ein Jahr zuvor schon gab es ähnlich verstörende Videos aus Bio-Legehennenställen. Dazwischen machten Eiererzeuger Schlagzeilen, die mehr Legehennen im Stall hielten als erlaubt. Was also ist los in der vielgelobten Welt der artgerechten und biologischen Tierhaltung?

S&K stellt fest,

„Auch in Schrot&Korn war doch immer wieder zu lesen gewesen, wie viel besser es Bio-Geflügel geht: Deutlich mehr Platz im Stall als die konventionell gehaltenen Tiere, dazu Auslauf, Sandbäder, Sitzstangen … Um es gleich zu sagen: Das stimmt alles. Im Vergleich zur konventionellen Massengeflügelhaltung, in der die eingangs beschriebenen Bilder Alltag sind, ist die ökologische Geflügelhaltung ein Fortschritt. Aber eben nur ein Schritt. Denn bessere Haltungsbedingungen führen leider aus drei Gründen nicht automatisch zu gesünderen Tieren: erstens bieten agrarindustrielle Strukturen Einfallstore für schwarze Schafe, die aus reiner Profitgier agieren, zweitens haben die Kontrollsysteme Schwächen, drittens fehlt es an öko-tauglichen Tierrassen.“

Und dann bestätigt S&K all das, was auch grennpeace in dem Report „Das Tierzucht-Monopoly“ ausführt. Dass es nämlich derzeit keine BioRassen gibt, dass auch die Tiere in den Bio-Ställen einseitig auf Höchstleistung gezüchtet sind, damit sie möglichst schnell Fleisch ansetzen oder viele Eier legen. Durch die einseitige Zucht sind die Tiere krankheitsanfälliger, sind nicht mehr „freilandfähig“ und zeigen diverse Verhaltensauffälligkeiten wie Federpicken und Kannibalismus.

„Die für die Mast vorgesehenen Tiere nehmen so schnell an Muskelmasse zu, dass Skelett und innere Organe mit dem Wachsen kaum nachkommen. Das führt zu Gelenkdeformationen und anderen Krankheiten, die durch die unnatürlich großen Brustmuskeln noch verstärkt werden. Gleichzeitig sind die überschweren Tiere kaum in der Lage, arteigenes Verhalten auszuleben. Tier- und Umweltschützer nennen das Qualzucht und fordern ein Verbot. Die EU-Öko-Verordnung erlaubt schnellwachsende Zuchtlinien, schreibt jedoch längere Mastzeiten vor, um die Gewichtszunahme zu verringern und so die Folgen abzupuffern.“

Die Versorgung der Welt mit Geflügelfleisch liegt letztlich in den Händen einiger weniger Konzerne. Das sind, als weltweite Nummer Eins, die deutsche EW-Group (früher PHW-Erich Westjohann) für Legehennen, die amerikanische Aviagen für Mastgeflügel, die niederländische Hendrix Genetics und die französische Groupe Grimaud mit ihrer amerikanischen Tochter Hubbard R&D (die eine gemeinsame Gen-Datenbank mit der amerikanischen Gen-Firma MetaMorphix unterhalten). Und schließlich noch der amerikanische, weltgrößte, Hühner- und Fleischvermarkter Tyson.

Diese Firmen, die entweder eigene Gen-Datenbanken unterhalten oder aber direkten Zugriff auf Gen-Datenbanken haben, versorgen den Weltmarkt mit sogenannten Hybriden. Das sind Hochleistungstiere in der Fleischentwicklung oder was die Legekapazität angeht, die aber diese Fähigkeiten in der Folgegeneration verlieren, weshalb Erzeuger und Mäster nicht selbst züchten sondern nur nachkaufen können.

S&K schreibt zum Thema Agrarindustrie:

„Doch ist die Geflügelwirtschaft der am stärksten industrialisierte Teil der Landwirtschaft. An zehn Eiern oder einem Brathähnchen ist wenig verdient. So sind mit der Zeit immer größere, auf Effektivität getrimmte Strukturen entstanden: Spezialisierte Betriebe halten Elterntiere und produzieren Küken. Andere ziehen Jungtiere auf und verkaufen sie an Eiererzeuger oder Putenmäster. Diese erhalten vorgefertigtes Futter und liefern Eier und Tiere an Sammelstellen und Schlachthöfe. Aus selbstständigen bäuerlichen Familienbetrieben werden abhängige Lohnmäster und Eierproduzenten. Oft gehören die Betriebe Kapitalgebern von außen. Die zunehmende Nachfrage nach Öko-Lebensmitteln machte es für Agrarindustrielle interessant, sich hier zu engagieren. Einige Bio-Funktionäre sahen es wohlwollend. Schließlich wollte man ja die gesamte Landwirtschaft ökologisieren und Bio für alle erzeugen. Dazu brauchte es die Großen. Als zur Jahrtausendwende in der EU-Öko-Verordnung die Kriterien für artgerechte Tierhaltung festgezurrt wurden, stand dort, dass in einem Stall maximal 3000 Legehennen oder 4800 Masthähnchen gehalten werden dürfen. Doch nirgends stand, wie viele Ställe unter ein gemeinsames Dach passen. So gibt es heute Anlagen mit über 30 000 Bio-Hennen.

Nicht allein die schiere Größe ist ein Problem, sondern auch das Anliegen, billig zu produzieren. Um die Kosten zu senken, reizen viele Großbetriebe die Möglichkeiten der EU-Öko-Verordnung aus. Die Tiere werden als Produktionsfaktor, nicht als Lebewesen wahrgenommen. Dieses Denken zeigt sich beispielhaft in den Wirtschaftlichkeitsberechnungen der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Ihr genügen 0,6 Arbeitskräfte für 18 000 Bio-Legehennen. Intensiv betreuen kann man die Tier so nicht.“

Wie die wenigen – zu wenigen – Kontrollen durch die Kontrolleure der IMO belegen, dass in den Bio-Betrieben regelmäßig und mit Vorsatz gegen die EU-Öko-Verordnung verstoßen wird. Außerdem, so stelle S&K fest, sind die Kontrolleure häufig allzu nachsichtig im Umgang mit Verstößen. Aber nicht nur die Nachlässigkeiten bei den Kontrollen werden kritisiert, auch das Fehlen von konkreten Vorgaben zum Gesundheitszustand der Tiere. Auch eine gemeinsame Kontrolle von Tierschutz und ökologischer Kontrolle wurde schon mehrfach angeregt, findet aber so gut wie nicht statt.

Die eben angesprochenen Haltungsformen führen dazu, dass die Tiere mit Unmengen von Antibiotika behandelt werden (müssen), anders würden viele gar nicht die Schlachtreife erreichen. Das hat zur Folge, dass diese Antibiotika beim Verzehr von Geflügelfleisch in den menschlichen Körper gelangen. Mit der Folge, dass sich Resistenzen und Multiresistenzen immer weiter verbreiten. Diese Problematik wird eine neue Dimension erreichen, wenn es zum Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA kommt. In der Hühnermast in Amerika wird zum Beispiel ein Antibiotikum eingesetzt, das in Europa für Fälle als Reserve zurückgehalten wird, in denen die gängigen Antibiotika versagen.

Die Nachfrage nach Geflügelfleisch steigt weltweit rasant an. Das wird sicher zur Folge haben, dass die Verindustriealisierung des Lebewesens Huhn weiter voranschreiten wird. Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass Regulierungen und Verbote nicht oder nicht ausreichend greifen und keine nachdrückliche Veränderung bewirkt haben. Die Politik ist also weiterhin gefordert wirksame Gesetze zu entwickeln und auf deren Durchsetzung mit entsprechenden Druckmitteln zu erzwingen.

Die schnellste und auch auf Dauer wirksamste Waffe gegen die skandalösen Methoden in Aufzucht und Haltung von Hühnern und GEflügel überhaupt haben wir Verbraucher in der Hand. Wenn wir das Billigfleisch der Tierproduzenten in den Regalen der Supermärkte und Kaufhäuser liegen lassen und uns den Tierzüchtern zuwenden, bei denen Hühner ein artgerechtes Leben leben dürfen, dann wird es sehr schnell zu einem Umdenken kommen. Auf nichts reagieren Unternehmen schneller als auf  deutliche Umsatzrückgänge. 1 Kilo Hähnchenfleisch für4,99 Euro – das geht nur wenn Tiere produziert werden, nicht wenn sie gezüchtet werden.

Was sagt die Initiative „Rettet das Huhn“ am Schluss ihrer Vorstellung?

Ein Tier zu retten verändert nicht die ganze Welt, aber die ganz Welt verändert sich für dieses eine Tier.

Ganz schön pathetisch – oder?

Aber finden Sie das besser?

Und hier zum Beispiel gibt es Hühner aus artgerechter Zucht und Haltung: Domäne Mechthildshausen

{ 0 Kommentare... Schreibe einen Kommentar }

Sie können entweder das Formular ausfüllen oder sich mit Ihren Facebook-Konto anmelden, um Kommentare schreiben zu können.

 

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

 

Zum Absenden bitte folgende Aufgabe lösen: * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.