0 Risikointelligenz

Wie wir die richtigen Entscheidungen treffen
von Dylan Evans
aus dem Englischen von Harald Stadler

Mit Quotienten ist das so eine Sache. Ob IQ, EQ oder RQ, sie alle suggerieren eine Genauigkeit, die nicht einzulösen ist. Es erstaunt daher wenig, dass Dylan Evans große Mühe bekundet, seinen RQ zu definieren. Auf Seite 35 findet sich der erste Versuch in folgenden Worten: „ Ich definiere Risikointelligenz grundlegend als Fähigkeit, Wahrscheinlichkeiten genau einzuschätzen.“ Wer dann im Anmerkungsapparat nachschlägt, was die kleine Eins hinter dieser Definition bedeutet, schließt vielleicht zum erstem Mal Bekanntschaft mit den „Frequentisten“ und „Subjektivisten“ und erfährt am Schluss der langen Erläuterung, dass Wahrscheinlichkeitsschätzungen klar kalibriert sein müssen. Aber was das wiederum heißt, erfahren wir erst später. Für das anfängliche Durchbeißen wird man allerdings reich belohnt.
Die Geschichten zum Auftakt dieses Buches sind zwar interessant, aber schlecht einzuordnen, wenn man mit den wichtigsten Erkenntnissen der Heuristik, also der wissenschaftlichen Entscheidungsforschung noch nicht vertraut ist. Da dies dem Autor offenbar ebenfalls bewusst ist, schiebt das Kapitel „Wie Sie Ihre Risikointelligenz messen können“ ein. Ich rate den Lesern dazu, den eigenen Quotienten gleich zu bestimmten und nicht bis zum Schluss der Lektüre zuzuwarten. Denn das Beantworten der Fragen und die Verarbeitung des Resultats erhöht das Verständnis von Evans Modell ungemein. Wissen muss man nur, dass sich der deutschübersetzte Test im Buch wesentlich von der englischen Originalversion im Web unterscheidet. Eigentlich schade, dass nicht einmal die Bezahltests in verschiedenen Sprachen erhältlich sind.

Da nicht Wissen, sondern Risikointelligenz gemessen wird, können auch Personen gut abschneiden, die bei Wissenstests normalerweise nicht die beste Figur machen. Die Auswertung ist auch deshalb interessant, weil sie den Sinn von Evans Kalibrierung deutlicher macht. Und spannend ist auch zu erfahren, wie verschiedene Berufsgruppen abgeschnitten haben. Die Mediziner werden allerdings weniger Freude an ihrer Positionierung haben als die Meteorologen. Was käme wohl heraus, wenn der Test für Rezensenten für obligatorisch erklärt würde? Die bekannte Psychologin Susan Blackmore schrieb ihrem Kollegen jedenfalls: „Seit ich den Test gemacht habe, bin ich, so glaube ich, weniger dogmatisch und viel flexibler.“

Da sich durch ein tieferes Verständnis der Fehlerquellen beim Abschätzen von Wahrscheinlichkeiten dauerhaftere Gewinne erzielen lassen, sollte man das dritte Kapitel besonders aufmerksam lesen. Zu den Fallen, in die Menschen leicht treten, gehören: Der Wunsch nach sofortigen Lösungen – Immer an das Schlimmste denken – Die „Alles oder nichts-Mentalität. Wer Rolf Dobellis Buch „Die Kunst des klaren Denkens“ gelesen hat, wird jedenfalls auf alte Bekannte stossen.

Im vierten Kapitel geht es um mentale Störfaktoren wie: Verfügbarkeitsheuristik, Wunschdenken, Glaubwürdigkeit von Quellen, Bestätigungsfehler, verzerrte Rückschauen, die Einbildung der eigenen Durchschaubarkeit und der Glaube, die Gedanken anderer lesen zu können.

Auf den Wahn der Massen geht Dylan Evans im fünften Kapitel ein. Und der Autor scheut sich nicht davor, Unangenehmes zu schreiben und Klartext zu sprechen. So heisst es zum Beispiel: „Die Medien bevorzugen gewöhnlich wortreiche Idioten gegenüber nachdenklichen Typen.“ Oder er zitiert John Maynard Keynes mit den Worten: „Weltliche Weisheit lehrt, dass es besser für den Ruf ist, konventionell zu versagen, als unkonventionell erfolgreich zu sein.“ Und dass Phrasendrescher meist wenig zu sagen haben, wird selbstverständlich ebenfalls erwähnt.

Den Statistiken ein eigenes Kapitel zu widmen, drängte sich natürlich auf, da sich die meisten Menschen auf diesem Gebiet unwohl fühlen oder keinen blassen Schimmer von mathematischen Wahrscheinlichkeitsberechnungen haben. Für Spieler aller Art ist das siebte Kapitel ein Zusatzgewinn. Hätte es George W. Bush ebenfalls gelesen, wäre es vielleicht nicht zur Überzeugung gekommen, ein Einmarsch in den Irak würde sich für sein Land lohnen. Aber wie gesagt: IQ und RQ sind ohnehin nicht dasselbe. Das gilt auch für Terroristen und Verantwortliche des Gesundheitswesens, wie Dylan Evans mit entsprechenden Beispielen klar machen will.

Da Risikointelligenz auch bedeutet, relevante Fakten aus den Informationsspeichern wieder freizusetzen, gibt Dylan Evans im neunten Kapitel neue Antworten auf die alte Frage, was Wissen ist. Und erneut veranschaulicht er seine Thesen mit spannenden Beispielen aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Im Anhang finden sich noch der erwähnte Risikointelligenztest, ein persönlicher Voraussagetest, ein Vorhersagespiel für 2010, Forschungsdaten und Anmerkungen.

Mein Fazit: War ich zu Beginn der Lektüre noch skeptisch, ob der Autor auch tatsächlich mit Neuem aufwarten kann, verflogen diese Zweifel ziemlich schnell. Auch wenn sich das Zufällige in die besten Wahrscheinlichkeitsberechnungen schiebt, lassen sich Risiken doch besser einschätzen, wenn man einige bewährte Regeln befolgt und bekannten Denkfallen ausweicht. Gefallen hat mir auch, dass sich der Autor nicht auf Spekulationen einlässt, um Sinnlücken zu füllen und dem Leser einfach einen Gefallen zu machen. Zudem hütet er sich vor dümmlichen Vereinfachungen, wie wir sie in vielen populärwissenschaftlichen Büchern antreffen.

Diese ausgezeichnete Rezension wurde von Dr. Werner Fuchs bei amazon geschrieben.

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