0 Die Target-Falle

Gefahren für unser Geld und unsere Kinder
von Hans-Werner Sinn

Die Target-Debatte angestoßen zu haben ist der große Verdienst von Hans-Werner Sinn. Wie immer schafft es Sinn ein sperriges Thema auch für den Laien verständlich aufzuarbeiten. Der Target-Mechanismus ist aufgrund seiner Gefahr für ein funktionierendes Geldsystem in ganz ! Europa für uns alle von Interesse. Der ehemalige Bundesbank-Chef Helmut Schlesinger hat Sinn auf einen Posten in der Bundesbankbilanz aufmerksam gemacht, der seit 2007 stetig gewachsen ist. Hans-Werner Sinn recherchierte daraufhin und der Target Mechanismus entpuppte sich schnell als Sprengsatz für das Euro-System. Bis heute sind Target-Forderungen in Höhe von ca. 700 Mrd. EUR bei der Bundesbank aufgelaufen. Nimmt man die anderen Leistungsbilanzüberschussländer wie Österreich, Finnland und die Niederlande hinzu kommt man auf 1 Billion. Ein stolzer Betrag für einen Posten in den Zentralbankbilanzen, der ehedem nur eine kleine statistische Größe war.

Was aber ist der Target-Mechanismus und wie funktioniert er?
Target ist einfach ein elektronisches Zahlungssystem in dem die EZB, die Notenbanken und die dahinter angeschlossenen Geschäftsbanken angeschlossen sind. Es regelt einfach den Zahlungsverkehr zwischen den EURO-Ländern (Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System). Überweist ein Grieche also einen Betrag auf eine deutsche Bank indem er ein Auto kauft, dann stösst er eine Target-Überweisung an. Überweist dagegen ein Deutscher einen Betrag auf eine griechische Bank, weil er z.B. eine Hotel in Santorini bezahlt, dann löst er ebenfalls eine Target-Überweisung aus, da beide Überweisungen von den Geschäftsbanken über die jeweiligen Zentralbanken über die EZB in das jeweils andere Land geschleust werden. Das Target-System „nettet“ dann die beiden Überweisungen in Echtzeit. Beträgt also der Betrag für das Auto 10.000 EUR und der Betrag für das Hotel (3 Monate Vollpension) 10.000 EUR, dann ist der Target-Saldo eben Null. Und so soll das auch sein. Die Zahlungsströme sollen sich über die Zeit hinweg ausgleichen. Wir wollen ja am Ende des Tages Güter und Leistungen tauschen und nicht abstrakte Zahlungsmittel.

Wenn der Grieche nun das Auto auf Kredit kauft, dann ist der Target-Saldo ebenfalls 0, da er dann einen Kredit von der – sagen wir Autobank in München – i.H.v. 10.000 EUR erhält. Es findet also ein Überweisungsvorgang von der Autobank auf sein Konto in Griechenland statt und er überweist dann den Betrag sozusagen gleich wieder an die Autobank in Deutschland. Wir sehen also, der Target-Saldo ist immer Null, wenn es zu jedem Zahlungsstrom ein Gegenzahlungsstrom gibt. Die Zahlungsströme gleichen sich dann aus.

Was aber passiert, wenn der Grieche 10.000 EUR nimmt und einfach in Deutschland damit einkaufen geht, aber niemand in Griechenland in den Urlaub fährt? Genau! Dann fließen immer mehr Zahlungsmittel – und damit Kredit – aus Griechenland ab und es gibt keinen Gegenzahlungsstrom. Die Kaufkraft verlässt dann das Land, in welchem die Zahlungsmittel abfließen. Irgendwann haben die Griechen dann kein Geld mehr und das führt eben zu Problemen.

Jedes Land hat eine spezifische Geldmenge, die seiner umlaufenden Güter- und Dienstleistungsmenge entspricht. Der Güter- und Leistungsaustausch mit dem Ausland ändert nichts daran. Austausch mit dem Ausland kann es dauerhaft nur geben, wenn ein Leistungsaustausch (Tausch von Gütern / Dienstleistungen gegen Güter / Dienstleistungen) stattfindet oder ein Land zwar Güter und Leistungen kauft und diese eben vom Ausland vorfinanziert bekommt.
(Also: Auto gegen Urlaub oder Auto gegen Kredit (Kredit = Forderung) wie oben dargestellt.)

Genau dies hat in der Finanzkrise ab 2007 nicht mehr funktioniert, als die Investoren (etwas spät) gesehen haben, dass Griechenland (und auch andere Südländer) praktisch pleite waren, da Sie die Gelder, welche sie von den Kapitalmärkten (z.B. von uns) bekommen haben, nicht investiert sondern „verfrühstückt“ haben. Investoren haben dann begonnen ihre Finanzmittel abzuziehen. Z.B. könnte es sein, dass ein Pensionsfond aus Deutschland seine Mittel abgezogen hat. Schon haben wir eine Target-Überweisung, der kein Gegenzahlungsstrom gegenübersteht. Es handelt sich – zugegebenermaßen – um eine späte, aber dennoch rationale Entscheidung, denn es handelt sich hier um Ersparnisse und die mögen es nicht verbrannt zu werden. Dieser Vorgang passiert aber auch, wenn Bürger aus den Südländern aus verständlicher und rational nachvollziehbarer Angst um ihr Erspartes ein Konto bei der – sagen wir – Volksbank München anlegen um dort ihr sauer verdientes Geld zu bunkern (sprich: zu überweisen). Das können dann einfache Bürger oder auch Superreiche sein, aber wer könnte es ihnen verübeln. Geld will immer Sicherheit und kennt keine Grenzen. Es ist somit die Kapitalflucht sowie ein einseitiger Konsumstrom gewesen, die zu einem Kapitalstrom aus den Südländern heraus geführt hat.

Ein anderer Weg war die Diskontierung von wertlosem Vermögen. Die EZB hat in 2008 entschieden, dass die Notenbanken der Südländer auch wertlose Pfänder in Zahlung nehmen und dafür frisches Geld ausreichen. Da sich in der Südzone wertloses Pfand in Billionenhöhe befindet ist der Gelddruckerei also keine Grenze gesetzt. Wenn nun ein reicher Grieche z.B. über eine Million Euro griechische Staatsanleihen verfügte, konnte er diese bei seiner Hausbank kreditieren, diese reichte die Papiere dann an die Griechische Notenbank weiter, die dafür Geld druckt. Dieses Geld schaffte er dann über den Target-Kanal z.B. nach Deutschland oder auch nach Finnland oder die Niederlande oder wo auch immer hin. Somit werden wertlose Vermögensgegenstände in wertvolle „getauscht“ und verlassen das Land ohne einen Gegenzahlungsstrom.

Da der Überweisungsvorgang dann in den oben genannten Fällen über die Hausbank des Griechen und die griechische Zentralbank und damit über die EZB zu der (in unserem Beispiel) Bank in Deutschland läuft, entsteht bei der Bundesbank ein „Überhang“ an eingehendem Geld, welches bei der Bundesbank geparkt wird. Immer mehr Zahlungsmittel fließen nun nach Deutschland. Das Kapital flüchtet also dorthin, wo es in Zukunft was wert ist. Ein Ausgleich findet nicht mehr statt. Das eine Land blutet aus, das andere saugt sich voll (und weiss nicht so recht wohin damit und bietet es dann Häuslebauern für 2,9% an, damit irgendwas damit gemacht wird).

Der gleiche Vorgang lässt sich besser erklären als die USA mit Ihren Dollars nach 1971 die BRD überflutet haben. Um den Vietnamkrieg zu finanzieren hat man die Goldbindung gelöst und einfach gedruckt, was das Zeug hielt bis die Inflationsraten zweistellig waren. Die billigen (schnell gedruckten und damit inflationierten) Dollars wurden zu einem festen Wechselkurs in DM eingetauscht und lagen somit bei der Bundesbank herum (wurden geparkt). Da der Wechselkurs fixiert war, musste die Bundesbank DM für Dollar ausreichen. Sie konnte gar nicht anders.
Die zusätzlich in den Umlauf geratenen DM-Scheine haben hier das Geldmengenvolumen aufgebläht und langfristig zu Inflation geführt. Die Bundesbank war gezwungen die Wechselkursbindung aufzulösen. Die DM hat sofort aufgewertet. Damit war das leichte Spiel für den Dollar aus. DM gab es nur noch für einen größere Menge Dollar. Die DM wurde eben somit wertvoller.

Und genau hier liegt das Problem: Es gibt keinen DEURO und auch keinen GEURO. Es gibt nur den EURO. Aber das heißt nicht, dass es keinen Wechselkurs mehr gibt. Er ist nur unsichtbar. Nominal ist der Wechselkurs zwar 1:1, aber in der Wirklichkeit fällt der Wert eines in Griechenland „produzierten“ Euros anders aus als in Deutschland. In dem Wert einer Währung zeigt sich ja, was eine Nation so alles produziert und was nicht. Die Griechen verfügen daher über eine Währung, der tragischerweise in ihrem Land nicht „sehr viel wert“ ist, da Sie sich dafür nicht viel kaufen können, bzw. nicht das kaufen können, was sie sich kaufen wollen (u.a. deutsche Maschinen, VW, Mercedes, IPhones, Modeartikel, etc….). Aber der Euro, der über die griechische Notenbank emittiert wird, entfaltet in Deutschland eine weitaus größere Kaufkraft, weil hier u.a. die begehrten Produkte zu kaufen sind. Daher werden nun große Mengen EUROs u.a. nach Deutschland, Finnland, Österreich und die Niederlande geschleust, wo sie Kaufkraft entfalten. Neben den „Konsum-Euro“ fließen aber auch die „Ersparnis-Euros“ und „gedruckte Euros“ sowie die „Rettungsgelder-Euros“ aus diesen Ländern. Dem Hineinpumpen und Durchschleusen von Kaufkraft sind keine Grenzen gesetzt.

Die Kapitalflucht ist es ja, die die Banken, Versicherungen und Unternehmen ausbluten lässt und damit bei der normalen Bevölkerung Arbeitslosigkeit und Verzweiflung produziert. Wir schieben dann das Geld nach um die Lücken zu stopfen, damit dort das Bankensystem nicht zusammenbricht, aber das Geld rutscht immer unten durch. Der Kreislauf wird erst gestoppt, wenn das Rettungsbemühen endet und wenn die Target-Druckerei aufhört. Dann aber ist der Euro wahrscheinlich nicht mehr interessant für diese Länder. Sie würden sofort austreten, da der Nutzen einer eigenen Währung sofort größer wäre. Der Target-Mechanismus erhält somit ein dysfunktionales System praktisch dauerhaft am Leben, indem er Reichtum und Wohlstand umverteilt, als gäbe es kein Morgen.

Das Standard-Argument von seiten der Politik lautet dann immer: wir profitieren von dem Euro bzw. wenn die Südländer aufhören unsere Waren zu kaufen, dann bricht hier alles zusammen. Natürlich ist es richtig, dass der Target-Mechanismus die Konsummaschine Südeuropa am Leben erhält. Aber mit dieser Begründung könnte nun jeder insolvente Staat und jeder Bürger, der Pleite ist, einen Lebensstandard verlangen, der zwar seinen Bedürfnissen, aber nicht seiner Leistung entspricht. Das wird und kann nicht funktionieren. Zumindest nicht dauerhaft. Die Gefahr einer dauerhaften Alimentierung entsteht ja nicht durch den Konsumstrom sondern durch den erlahmenden Antrieb. Ist dieser erstmal am Boden (sprich: Firmenpleiten, verzweifelte Bürger und ein zerrüttetes Staatswesen) wird es wirklich unangenehm. Und genau in diese Richtung bewegen wir uns.

Die Target-Salden sprechen somit für in der Südzone künstlich am Leben erhaltene Kaufkraft und damit für das Verschenken von Leistungen, denn die Target-Forderungen sind eigentlich wertlose Devisen, die – einer politischen Laune zum Trotz – auf EURO lauten. Also auch auf unsere Währung. Um mit Hans-Werner Sinn zu sprechen: „Wir behalten unsere Arbeitsplätze, aber wir verlieren unsere Ersparnisse“. Was aber nützt ein Arbeitsplatz dauerhaft, wenn man die Produkte verschenkt? Und was passiert, wenn die Baby-Boomer in Rente gehen wollen und sehen, wie Ihre Lebensversicherung dahingeschmolzen ist? Ein jeder vermag sich das selber ausmalen. Die Pensionskassen und Versicherungen schütten schon jetzt aus der Substanz aus.

Wie aber hätte das Dilemma eigentlich ablaufen müssen, damit keine Target-Salden entstanden wären?

Die Investoren hätten ihre Gelder abgezogen und damit einen einseitigen Zahlungsstrom aus den Südländern raus erzeugt. Die Target-Salden wären temporär entstanden. Die Notenpresse wäre nicht angeworfen worden, da die EZB keine wertlosen Pfänder als Refinanzierung angenommen hätte. Wir hätten keine Rettungsfonds aufgelegt, welche das Leiden nur verlängern und der Bevölkerung in Griechenland, Spanien, Portugal, Italien und Irland nicht helfen, sondern sie nur in die Armut treiben. Das Fluchtkapital hätte zu einer schweren Rezession in den Südländern geführt. Die Preise für Immobilien, Arbeitskraft und Konsumgüter wären sehr tief gefallen. Die Wirtschaft hätte einen schweren Schock erlitten und die Arbeitslosigkeit wäre stark angestiegen. Menschen und Gesellschaft hätten eine sehr schwierige und turbulente Phase durchgemacht. Aufgrund der gesunkenen Preise wären Investoren aber irgendwann wieder eingestiegen. Das Fluchtgeld wäre zurückgekehrt und die Salden hätten sich wieder um den Nullwert eingependelt. Aus einer verständlichen Angst vor den Konsequenzen wollten sich die Politiker in den Südländern und in Deutschland das nicht antun. Damit schieben wir das Problem vor uns her und müssen zusehen, wie die Target-Salden wachsen und wachsen……

Rezension von Winfried Brammer

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