0 Die globale Überwachung oder
Schlimmer geht immer!

Was würde wohl passieren, wenn Keith Alexander (seines Zeichens – bis vor kurzem – NSA-Direktor), Edward Snowdon (seines Zeichens der Welt berühmtester Whistleblower) und Glenn Greenwald (seines Zeichens Verfasser des Buchs „Die globale Überwachung“) gemeinsam vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags auftreten würden?
Wir wissen es nicht und werden es wohl auch nie erfahren (Vermutungen bitte trotzdem an die Redaktion melden!), sind aber sicher, dass es selten eine Anhörung ähnlicher Brisanz gegeben haben dürfte.

Mit Greenwalds Buch ist nämlich erstmalig eine detaillierte Darstellung der Methoden gelungen, mit denen die NSA versucht hat (und sicher weiterhin versucht) den USA die Vorherrschaft im Internet zu bewahren, Alexanders Verantwortung dafür und wie beides sich aus den Snowden Dokumenten ableiten läßt. 

„Auch wer sich gut informiert fühlt, kann in Greenwalds Buch „Die globale Überwachung“ etwas lernen: Es ist noch schlimmer als gedacht.“

So lautet das Fazit, das Daniel Haufler in seiner Rezension in der Frankfurter Rundschau vom 24. Mai zieht. Und er hat damit völlig Recht, denn, zum einen hat es bislang tatsächlich keine so umfassende und zugleich detaillierte Darstellung der Zusammenhänge von Snowdens Dokumenten gegeben, wie Greenwald sie mit seinem Buch liefert. Zum anderen ist die klare NSA-Arbeitsanweisung „Collect it all“ noch nie so eindeutig belegt worden. Eine für deutsche Leser interessante Denk-Anregung liefert Greenwald mit dem Kapitel „Die Vierte Gewalt“, in dem er sich mit der Bedeutung der Medien für die Bekanntmachung der Snowden Dokumente beschäftigt.

Dass die Aktivitäten der NSA keine Eigenmächtigkeiten allmachtssüchtiger Technokraten sondern durchaus von der amerikanischen Regierung geduldet und gewollt waren, zeigt Greenwald mit seinem Hinweis auf die Foreign Intelligence Surveillance Act von 1978 und den Patriot Act von 2001 und den Umgang damit.

Um welche Datenmengen es ging und geht, zeigt ein sogenanntes BOUNDLESS INFORMANT-Dokument einer (!) NSA-Abteilung aus dem März 2013, danach wurden von dieser Abteilung innerhalb von 30 Tagen die Datensätze von über 97.000.000.000 (97 Milliarden) E-Mails und 124.000.000.000 Telefonaten gesammelt. Aus der Vielzahl ähnlicher Dokumente läßt sich für Greenwald nur der Schluss ziehen, „dass die amerikanische Regierung ein Programm aufgebaut hat, dessen Ziel die vollständige Abschaffung der Privatsphäre war, und zwar weltweit.“

In einer internen NSA-Memo vom Dezember 2012 wird stolz verkündet, dass das Rasterprogramm SHELLTRUMPET die 1-Billion-Marke (Anm. der Red. Metadaten) geknackt hat und dass im Laufe des Jahres 2013 die Reichweite von SHELLTRUMPET auf andere SSO-Systeme ausgeweitet werden soll. Mit dem Sammeln von Metadaten gewinnt die NSA ohnenin mehr tiegergehende Informationen als mit den Daten einzelner Aktionen. Im Streit um die rechtliche Legalität der Sammlung von Metadaten durch die NSA wird die Bedeutung von Metadaten durch den Informatikprofessor Edward Felten erklärt:

„Stellen wir uns einmal Folgendes vor: Eine junge Frau ruft ihren Gynäkologen an, gleich darauf ihre Mutter, dann einen Mann, mit dem sie während der vergangenen Monate häufig nach 23 Uhr telefoniert hat; als nächstes eine Familienbreatung, die auch Abtreibungen durchführt. Daraus lässt sich eine schlüssige Geschichte herleiten, die sich so deutlich aus dem Abhören eines einzelnen Telefonats nicht ergeben würde.“

Laut Felten sind abgehörte Telefongespräche mit allerei Verwirrungsmöglichkeiten verknüpft und liefern häufig gar nicht die erhofften Informationen. Ganz anders dagegen Metadaten. Sie liefern nicht nur Details über eigene Kontakte und deren Häufigkeit, sondern auch über alle Personen, mit denen die eigenen Kommunikationspartner kommuniziert haben. Metadaten sind, so Felten, von mathematischer Klarheit. Präzise und daher leicht zu analysieren. Oft ein guter Ersatz für Inhalte.

Wir haben vor wenigen Tagen Jan Philipp Albrechts Buch „Finger weg von unseren Daten“ vorgestellt und sind leider zu der (vorläufigen) Erkenntnis gekommen, dass es ohne einen klaren, gesamteuropäischen politischen Willen nicht zu einer wirksamen Beschränkung von Überwachung und Datensammeln kommen wird.

Das Buch von Glenn Greenwald bestärkt uns in dieser Erkenntnis. Und das Interesse an der Europawahl und die ersten Prognosen über die Wahlbeteiligung lassen auch keine baldige Besserung erwarten.

Wie sang Georg Danzer schon 1979 „Wir werden alle überwacht

Die globale Überwachung
von Glen Greenwald
Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-27635-8

 

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