0 Abtauchen nützt nichts, Frau Ministerin!

„… ich hab‘ keinen wissenschaftlichen Assistenten oder einen Promovierenden oder einen Inhaber einer Doktorarbeit berufen, sondern mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister – die erfüllt er hervorragend …“ das sagte die Bundeskanzlerin im Februar 2011 zur Causa Guttenberg. Seit etwas mehr als einer Woche wird nun die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. (?) Annette Schavan, mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert.
Von Bild bis Spiegel wird seit dem 2. Mai die Frage gestellt: „hat sie oder hat sie nicht?“ und „Hat sie ‚mehr‘ oder ‚weniger‘ als zu Guttenberg oder nicht?“ Aber die Ministerin schweigt – sie, die sich im Fall zu Guttenberg stark fremdgeschämt hat, will sich erst äußern, wenn der Plagiatsjäger sich geoutet hat. Reicht das für eine Wissenschaftsministerin?

Die vielgepriesene (und auch für uns verteidigungswerte) Freiheit des Internets wird da fragwürdig, wo sie dazu benutzt wird, einen Menschen – aus dem Schutz der Anonymität heraus – anzugreifen und zu beschuldigen, auch auf die Gefahr hin, den Ruf dieses Menschen nachhaltig zu beschädigen. Ein solches Handeln ist immer fragwürdig und es haftet ihm der Ruch der Feigheit und der Diffamierung an.

Diese Feststellung reicht jedoch nicht aus, um Frau Schavan von der konkreten Auseinandersetzung mit den auf schavanplag gesammelten Dokumenten freizusprechen und konkret und ausführlich Stellung zu den erhobenen Vorwürfen zu beziehen. Da reicht es auch nicht aus festzustellen:

„Ich habe heute diese entsprechende Seite mir angeschaut, es ist eine anonyme Seite, deshalb ist meine erste Antwort: Wer sich mit meiner Dissertation beschäftigt hat, mit dem bin ich gerne bereit, über diese Dissertation zu sprechen, über das Zustandekommen.“

Auch für eine Ministerin gilt bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung und mediale Treibjagden sind abzulehnen. Gleichwohl scheint die Zitatesammlung von schavanplag zumindest den Anfangsverdacht für ein Plagiat zu rechtfertigen. Die endgültige Feststellung muss, wie in solchen Fällen üblich, der Universität überlassen werden, bei der die Arbeit eingereicht wurde (hier Uni Düsseldorf).

Einen interessanten Eindruck zur Bewertung Schwere des Plagiatsvorwurfs gegen Frau Schavan lieferte Norman Weiss vom Doktorandennetzwerk Thesis in einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 8. Mai 2012:

„Es geht einmal wohl um die tatsächliche Menge der infrage kommenden Plagiate. Selbst das „schavanplag“ führt ja im Prinzip nur relativ wenig Plagiate als sehr schwerwiegend auf. Viele Problemstellen sind minder schwer. Es ist auch eine Abspaltung von dem eigentlichen „VroniPlag“, das ja sehr bekannt geworden ist auch im Rahmen der Guttenberg-Affäre, weil die sich entschieden haben zu sagen, die Menge der Plagiate, die darin ist, oder der Plagiatverdachtsmomente, ist nicht ausreichend, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Die haben einen relativ willkürlich gesetzten Schwellenwert von zehn Prozent, der ist bei Frau Schavan nicht erreicht. Das heißt natürlich noch lange nicht, dass es nicht trotzdem zum Entzug des Doktorates reicht, aber das ist eine ganz andere Dimension als bei Herrn Guttenberg, wo relativ schnell sehr klar war, wir reden über ein dreistes und auch vorsätzliches Plagiat.“

Weiss äußerte sich in diesem Interview auch zu Schavans Standpunkt, es sei problematisch, dass die Vorwürfe anonym gestellt würden:

„Das halte ich in der Tat für eine absolut absurde Idee. Man muss ja immer berücksichtigen, es können Menschen in der Wissenschaft tätig sein, die solche Vorwürfe hervorbringen. Nicht jeder ist in einer Position, wo er mal eben kurz die Bundeswissenschaftsministerin beschuldigen kann, sie hätte ihre Doktorarbeit plagiiert. Also, ich finde es aus der Position heraus auch gegenüber den Leuten, die eben tatsächlich Doktoranden sind an der Universität mit einer relativ schlechten Stellung, was so Macht in Anführungsstrichen angeht. Ich finde es geradezu unverschämt, dass man da sagt: Outen Sie sich doch erstmal und dann können wir darüber reden. Die Vorwürfe sind völlig unabhängig von der Person, die sie erbracht hat. Es gibt Verdachtspunkte, es gibt Verdachtsmomente, es gibt eine Seite, wo diese dokumentiert sind und man muss sachlich darauf eingehen, was denn tatsächlich vorgeworfen wird. Die Anonymität der Person, die das hervorbringt, ist da völlig irrelevant.“

Die Messlatte für den Umgang mit Plagiaten und Plagiierern hat Annette Schavan mit ihren Aussagen in der Causa Guttenberg selbst sehr hoch gelegt. Jetzt kommt es zur Nagelprobe. VroniPlag bewertet „gut 10 Prozent“ der Arbeit von Frau Schavan als relevant und würde selbst erst oberhalb dieser Grenze aktiv werden und Verfasser bloßstellen. Kann eine Bewertung à la „sie hat ja nur ein bisschen plagiiert“ für die Wissenschaftsministerin akzeptiert werden?

Dazu möchten wir einerseits an die Formel des Amtseids erinnern:

 „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohl des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.“ (wahlweise folgt noch:) „So wahr mir Gott helfe.“

Abschließend noch der Auszug aus einem Kommentar von Jürgen König vom Deutschlandfunk:

„Auch einer Doktorandin von Mitte 20, im vordigitalen Zeitalter noch mit Zettelkasten operierend, konnte das passieren. Wie darüber zu urteilen wäre, hängt maßgeblich davon ab, wie diese frühere Doktorandin jetzt damit umgeht: Als angesehene Bundesministerin für Bildung und Forschung. Die Messlatte liegt sehr hoch: In der Plagiatsaffäre um die Promotion des Karl-Theodor zu Guttenberg war es Annette Schavan, die sehr früh schon sagte, sie schäme sich „nicht nur heimlich“. Ob sie auch an sich selbst so hohe Maßstäbe setzt? Ich glaube, ja.

Sie wird sich mit dem auseinandersetzen, was sie vor 32 Jahren geschrieben hat; dafür braucht sie Zeit; viel Zeit aber wird sie nicht haben. Bei jedem öffentlichen Auftritt wird das Thema „Plagiatsverdacht“ in den Köpfen präsent, wird der mediale Druck, etwas „aufgeklärt“ zu sehen, spürbar sein – leider. Mit ihren Kritikern wolle sie reden, wenn die ihre Anonymität aufgegeben hätten. Das werden die „Kritiker“ nicht tun – was zu kritisieren ist. Über das Thema wird Frau Schavan trotzdem reden müssen, das ist sie als Ministerin der Öffentlichkeit schuldig. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung – und mediale Zurückhaltung wäre auch nicht schlecht.“

Dem ist bis zum Urteil der Uni Düsseldorf nichts hinzuzufügen.

Sehr nachdenkenswert erscheint eine Idee von Ulla Burchhardt (SPD), der Vorsitzenden des Bundestags-Bildungsausschusses, sie fordert eine vom Staat (aus den Mitteln des Wissenschaftsministeriums) geförderte offizielle Clearingstelle, um Plagiatsvorwürfe aus der Anonymität des Internets herauszuholen. Zum Thema  „Plagiate sind überall – Qualität wissenschaftlichen Arbeitens sichern“ gab es bereits im November 2011 eine Pressemitteilung.

Wir werden diese Idee mit einer Online-Petition unterstützen! Sobald die Petition zur Zeichnung freigegeben ist, informieren wir Sie.

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