0 Der deutsche Bundespräsident
Pressestimmen aus dem Ausland

Zu einer umfassenden Betrachtung der Causa Wulff gehört ein Blick über die Grenzen. Wie berichtet die Auslandspresse über ein Thema, das in Deutschland in stetem Wechsel mal als Kampagne, mal als ein Beitrag zu mehr Transparenz, inzwischen sogar auch mal als Realsatire, immer aber als sehr problematisch für das höchste Amt im Staat behandelt wird. Wird von ‚Beschädigung des Amts‘ gesprochen oder steht ‚die Person Wulff‘ im Mittelpunkt der Berichterstattung? Wir bieten Ihnen einen (ausschnittweisen) Überblick:

Le Figaro, Paris (ex Augsburger Allgemeine)

„Das Jahr 2012 beginnt für den deutschen Bundespräsidenten so schlecht wie das Jahr 2011 aufgehört hat. Christian Wulff scheint so isoliert zu sein wie nie zuvor. (…) Die Enthüllungen über seine direkte Einflussnahme (auf die Presse) sind so verfänglich, weil er in seinem dem Wesen nach ehrenamtlichen Amt eigentlich eine moralische Autorität im Land verkörpern sollte. Die Medienwelt, allen voran die konservative Presse, straft Wulff mit herber Kritik. (…) Die sozialdemokratische Opposition fordert nun seinen Rücktritt, während die Konservativen und Liberalen Erklärungen verlangen. Wulffs Schicksal liegt in den Händen von Angela Merkel.“

Neue Züricher Zeitung

„Ein Präsident, der die unfassbare Dummheit begeht, angesichts einer drohenden Blamage wie Rumpelstilzchen zu toben und seine Suada auch noch auf einer Mailbox zu hinterlassen, verströmt nicht die Würde, die das Amt erfordert. Und wenn er sich darüber beklagt, dass seine Auslassungen publik werden, klingt das schal. Bundeskanzlerin Merkel will wohl, pragmatisch wie immer, abklären, ob der Koalition ein Verbleiben Wulffs im Amt größeres Ungemach bereitete als seine zügige Ersetzung durch einen Kandidaten mit mehr Statur. Zu welchem Resultat sie kommen wird, ist nicht etwa ausgemachte Sache. Namhafte Politologen weisen darauf hin, dass sich Wulff mit einer zweiten persönlichen Erklärung durchaus im Amt halten könnte. Die politische Klasse lechzt nicht gerade nach einer Neuwahl, und die Masse mag das Staatsoberhaupt noch immer. Das alles wird Merkel, deren Stimme großes Gewicht hat, berücksichtigen.“

De Telegraaf, Amsterdam (ex Augsburger Allgemeine)

„Selbst der Chefredakteur des grundsoliden Deutschlandfunks nannte Staatsoberhaupt Christian Wulff »für immer beschädigt». Doch nicht allein der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat das Vertrauen in Wulff verloren. Auch mit der Unterstützung von Kanzlerin Angela Merkel, eines wichtigen Teils der Regierungsparteien CDU und FDP, des Restes der Medien und – nicht unwichtig – der Bürger kann er kaum noch rechnen. (…) Die Affäre Wulff ist auch zu einem Problem für Merkel geworden. Sie hatte ihrem Parteifreund zum höchsten Amt verholfen. So war sie auf einen Streich einen potenziellen Konkurrenten losgeworden. »Wulff hat einen moralischen Kompass», urteilte die Pfarrerstochter aus der einstigen DDR bei seiner erfolgreichen Wahl. Doch Wulff hat sein Fingerspitzengefühl verloren. Selbst seine eigenen Parteifreunde lassen ihn im Stich.“

Le Monde, Paris

„Die Kanzlerin erklärt, sie empfinde „eine große Wertschätzung“ für den ersten Mann im Staat, der zum Herzen eines Skandals geworden ist. Angela Merkel hat entschieden: Der Soldat Wulff muss gerettet werden. Mit dem Ausdruck der „großen Wertschätzung“ für den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, die sie am 6. Januar zum Ausdruck gebracht hat, hat die Kanzlerin den Spekulationen um den Rücktritt des Staatschefs ein vorläufiges Ende gesetzt. Aber die Atempause könnte nur von kurzer Dauer sein, das der mediale Druck stark ist. Aufgrund seiner mehrfachen Falschaussagen ist es Christian Wulff, 2010 von den Parlamentariern (von der Bundesversammlung) in die Präsidentschaft gewählt, gelungen, aus einer zeitgeschichtlichen Banalität eine Staatsaffäre zu machen.“

Der Standard, Wien

„Wulff war der Wunschkandidat von Kanzlerin Angela Merkel. Sie wollte keine starke Persönlichkeit neben sich an der Staatsspitze, hieß es. Die hätte es in der Person des weithin geschätzten ostdeutschen Bürgerrechtlers Joachim Gauck, eines prominenten Mitkämpfers für die deutsche Einheit, gegeben. Gauck unterlag Wulff. Parteidisziplin siegte über Zivilcourage.

In einer Volkswahl wie etwa in Österreich hätte Gauck allen Umfragen zufolge gewonnen. Zwar ist auch die Wahl des Staatsoberhaupts durch den Souverän keine Garantie für unproblematische Entscheidungen (siehe Waldheim). Und in Deutschland gab es gewichtige historische Gründe dagegen (Wirren der Weimarer Republik). Dennoch gilt, dass ein vom Volk gewählter Präsident, eine Präsidentin in demokratischen Grundsatzfragen wie in Krisensituationen mehr Gewicht hat. Und im Zweifelsfall wird man sagen können, das Volk habe eben das Staatsoberhaupt, das es verdient. Nur Zyniker würden behaupten, dass dies auch im Fall Wulff gilt.“

Die Presse, Wien

„Es ist nur eine Zeitfrage, bis sich die Talkshows der Privatsender des Themas genüsslich annehmen. „Bild“ aber hatte zu Dreikönig schon wieder die Nase vorn. In eigener Sache teilte das Blatt mit, dass es die Mailbox-Nachricht des Präsidenten nicht gegen dessen Willen veröffentlichen werde. Aber: „Heute hat die Chefredaktion dem Bundespräsidenten eine Abschrift des Wortlautes seines Anrufs zur Verfügung gestellt, damit er sich bei seinen Aussagen darüber nicht nur auf seine Erinnerung stützen muss.“ (Längst kursiert die Mailbox-Tirade in der Branche.)

Am Wochenende war online das Rechercheprotokoll der Zeitung zu lesen. Episch breit zeigt es, wie ungeschickt, dreist, dumm sich Wulff und sein Büro in der Affäre seit Monaten verhalten, während paradoxerweise die Boulevardzeitung mit ihrer Auflistung von Fakten glaubwürdig wirkt. Brutaler kann man eine Person nicht vorführen, der man unterstellt, dass sie die Wahrheit beugt.“

…und das sagt die Bloggosphäre in Italien:

DAGO SPIA

Achtung Wulff: Der Präsident der Republik ergaunert sich Vorteile bei einem Darlehen, lässt sich Ferien und Reisen von Unternehmer-Freunden bezahlen, belügt das Parlament über seine Finanzen: Das unrühmliche Ende eines Merkelschen Parteigenossen, den sie als möglichen Nachfolger aus dem Verkehr ziehen wollte und dessen Rücktritt nun die Regierung nicht unbeschädigt lassen würde.

 

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