0 Karl Marx – überholt oder überholenswert?

Am 14. März 1883, vor 127 Jahren, starb Karl Marx im Alter von knapp 65 Jahren. Man hatte das Denken dieses Mannes längst überholt geglaubt. Eine Klassengesellschaft? Die gibt’s längst nicht mehr! Und schließlich hat sich der „Realsozialismus“ als Diktatur eines unsäglichen Spießertums erwiesen, die im Widerspruch zu dem großen Versprechen einer „wahren Demokratie“ stand, wie sie Marx vorschwebte. Doch ist das Wissen von damals wirklich so überholt?

Kluft zwischen Arm und Reich wächst

Die Kluft zwischen arm und reich ist eklatant. Ein Fünftel der Menschheit besitzt fast 90 Prozent des Weltvermögens, das ärmste Fünftel der Menschheit gerade mal ein Prozent (Quelle: UNDP). Fast jedes 6. deutsche Kind wächst in Armut auf, weil seine Eltern von Hartz IV leben müssen. Von Verwahrlosungen in den Familien der Ärmsten ist immer öfter die Rede. Derweil bekommen Manager Monat für Monat gigantische Vermögen, auch wenn sie – oder gerade weil sie – viele Arbeitsplätze ruinieren.

Widersprüche des Kapitalismus

Karl Marx hatte diese Aufspaltung des Reichtums beschrieben, die Widersprüche des Kapitalismus erfasst und seine Phasen analysiert, Kriege und Barbarei prognostiziert. Er hatte die Globalisierung so vorausgesagt, wie sie auch eingetroffen ist: „Die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. … Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt.“ (MEW 4, S. 467f)

Fragen über Fragen

Wie konnte dieser Mann eine solche Weitsicht haben? Und warum haben diejenigen, die sich auf ihn beriefen, besonders Lenin und Stalin, eine so gewaltige und gewalttätige Staatsformation errichtet, dass viele Menschen davor nur fliehen konnten? Was waren dabei Grundlagen, die dem Denken von Karl Marx wirklich entspringen und was bleibt von dem Bewusstsein, das er zu unseren Lebensverhältnissen geschaffen hatte?

Kann man eine Klassengesellschaft umkehren?

In dem metaphorischen Begriff von der „Diktatur des Proletariats“, welche die „Diktatur der Bourgeoisie“ ablösen sollte, steckt das Problem, das ungelöst geblieben war: Kann man eine Klassengesellschaft einfach umkehren? In der Geschichte hatte es dies noch nie gegeben. Immer waren nach den Revolutionen neue gesellschaftliche Inhalte entstanden, die sich zwar in der überwundenen Gesellschaft entwickelt hatten, deren Form aber vollständig aufgehoben war.

Marx wollte Hierarchien ganz abschaffen

Karl Marx hatte eigentlich auch etwas anderes formuliert. Ihm ging es um die Abschaffung der Staatshierarchie und um eine Gesellschaft, in welchem alle wirtschaftlichen und politischen Anliegen von Abordnungen derjenigen entschlossen werden, die sie auch zu realisieren haben: Von sachgemäß verpflichteten Delegierten aus dem gesellschaftlichen Lebenszusammenhang der Menschen, von Arbeiterräten, die auch im Parlament ihrer Herkunft verpflichtet blieben. Er schrieb, es ginge ihm um eine wirkliche Demokratie, nicht um die Scheinvertretung eines Volkes, die sich vorwiegend nach den Zwängen des Kapitalverhältnisses richtet. Es ging ihm um die durchsichtige Beziehung der Bedürfnisse der Menschen auf ihre politische Existenz, auf die Gesellschaftsform, worin der politische Wille sich bildet, welcher die Entwicklung der Arbeit und der Produktion gestaltet. Und aus diesem Grund ging es ihm um die „Beseitigung der Staatshierarchie überhaupt und Ersetzung der hochfahrenden Beherrscher des Volkes durch jederzeit absetzbare Diener, der Scheinverantwortlichkeit durch wirkliche Verantwortlichkeit, da sie dauernd unter öffentlicher Kontrolle arbeiten.“ (MEW 17, S. 544)

Direkte Demokratie – nur eine Utopie?

Eigentlich kann man dem auch heute noch zustimmen – trifft es nicht genau das, was unter einer modernen Demokratie zu verstehen ist? Sicher, es gibt dabei viele Probleme zu lösen, die nicht erst in globalisierten Sachzusammenhängen entstanden sind: Wie kann ein solches Parlament den komplexen Anforderungen moderner Produktion gerecht werden und wie können darin menschliche Bedürfnisse zur Grundlage parlamentarischer Willensbildung werden?

Vom Traum zur Wirklichkeit

Marx sieht das nicht als Utopie, sondern als Traum, welcher im Schlaf das formuliert, was wir im Wachsein behalten sollten: „Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, daß man die Welt ihr eigenes Bewußtsein innewerden läßt, daß man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt, daß man ihre eigenen Aktionen ihr erklärt. Unser ganzer Zweck kann in nichts anderem bestehen, … als daß die religiösen und politischen Fragen in die selbstbewußte menschliche Form gebracht werden. … Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt.“ (MEW 1, S. 346)

/uz

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