- DIEBÜRGERLOBBY - http://www.diebuergerlobby.de -

Liebe nur am Wochenende

In Zeiten beruflicher Mobilität müssen immer mehr Paare ihren Liebesalltag auf die wenigen Stunden zwischen Freitag und Sonntag beschränken. Schätzungen gehen davon aus, dass bereits jede achte Partnerschaft nur am Wochenende stattfindet. Die Shuttle-Beziehung hat aber nicht nur Nachteile.

Ein Gefühl von Heimatlosigkeit

“Schlimm war, dass Heiner oft nicht da war, wenn ich ihn brauchte”, sagt Erika M., freiberufliche Lektorin. “Das nistete sich als ‚nie da’ in Kopf und Bauch ein. Ich fühlte mich allein, trotz der Beziehung. Die Fahrerei war scheußlich und zeitaufwendig. Nicht weniger scheußlich war die körperliche Abwesenheit. Und das Gefühl von Heimatlosigkeit, was sich auch im Freundeskreis auswirkte. Alle dachten immer, ich sei gerade am anderen Ort und sowieso nicht erreichbar. Insgesamt schlimm war die Unklarheit des Alltags trotz der Strukturierung durchs Reisen“. Eine Erfahrung, die viele Beziehungspendler machen: Sie fühlen sich hin- und hergerissen zwischen zwei Welten und letztlich nirgends mehr zuhause. Zusätzlich müssen sie in den kurzen Stunden zu zweit eine “dritte Welt “ erschaffen – ohne das sichere Fundament gemeinsamer Alltagsroutine.

Wichtig: Eine Zukunftsperspektive

Zwei Jahre dauerte die Liebe auf Distanz zwischen Erika M. und dem Computerfachmann, bis die Lektorin schließlich nach Leipzig übersiedelte. “Das war möglich, weil ich als Freiberuflerin überall arbeiten kann, während Heiner an sein Büro gebunden ist“. Tatsächlich gehen Psychologen davon aus, dass “Shuttle-Beziehungen” nur dann eine Überlebenschance haben, wenn sich irgendwann die Perspektive der Gemeinsamkeit ergibt. Zu groß sind die Strapazen, die mit Ankunft und Abfahrt, mit Wiedersehen und Trennung verbunden sind. Liebe auf Distanz erfordert ein hohes Maß an Organisationstalent und emotionaler Flexibilität: “Die Umstellung war wahnsinnig anstrengend”, erzählt Renate K., die fünf Jahre jedes zweite Wochenende eine Entfernung von 600 Kilometern zurücklegte. “Jeden 2. Sonntag hieß es, die gemeinsame Nähe abrupt zu beenden und mich wieder auf das Alleinleben einzustellen“.

Qual der Wahl: Wer zieht um?

Auch Renate K. ist zu ihrem Lebensgefährten gezogen. “Ich hatte Glück”, so die Sachbearbeiterin. “Ich bekam einen Job in Köln – und zwar genau in dem Moment, als eine Art Krisenpunkt erreicht war. Wir haben ja während unserer Wochenenden immer wieder geredet: Wie lässt sich das auflösen, wie können wir zusammenfinden. Irgendwann musste ich dann realisieren, dass ich diejenige bin, die sich bewegen muss. Bei Bernd war da nichts zu machen“. Renate K. ist fünfzig, ein Alter, in dem man nicht mehr von heute auf morgen alles hinter sich lässt. Doch: “Ein Vorteil war, dass ich durch meinen Job schon vorher immer mal wieder für längere Zeit in Köln gelebt hatte”, berichtet sie, “trotzdem ist mir der Einstieg in Bernds Welt erst einmal wahnsinnig schwergefallen“.

Rituale einer kostbaren Zeit

Beide Frauen betonen, dass es schließlich sie waren, die die Konsequenzen aus der unhaltbaren Situation zogen. Beide wissen aber auch um die Vorteile der Liebe auf Distanz: “Gefallen hat mir, dass sich keine Abnutzung eingeschlichen hat, wir haben uns sehr viel ausgetauscht”, sagt Erika M. Und Renate K. erinnert sich ein wenig wehmütig an die “Kultur unserer Couchgespräche“, wie sie es nennt. „Das war schön: Unsere gemeinsame Zeit war viel weniger vom Alltag besetzt“. Psychologen warnen allerdings vor zu viel Erwartungsdruck. Denn manchmal steht trotz heiß ersehnter Begegnung und kurzer, kostbarer Zeit ein Problemgespräch im Raum. Hier heißt es: Nichts unter den Teppich kehren! Gerade Shuttle-Beziehungen sind in einem hohen Maß auf Transparenz und eine ehrliche Kommunikation angewiesen. Denn durch die ständige räumliche Entfernung können sich schnell Misstrauen und Eifersucht einschleichen.

Gebote einer Fernbeziehung [2]. Zur Fernbeziehung bietet die Internet-Community [3] auch einen Chat an.

Liebe auf Distanz, freiwillig

Auch Matthias pendelt im zweiwöchigen Turnus zwischen Frankfurt und Berlin. Doch er hat sich bewusst für die Fernbeziehung entschieden: “Uns beiden ist der Beruf sehr wichtig. Durch ihn erfahren wir jeweils unsere Unabhängigkeit, aus der heraus wir am Wochenende zueinander finden. Und das ist immer spannend, zärtlich, lebendig. Nebenkriegsschauplätze wie ‚Wer bringt den Müll raus?’ fallen bei uns weg. Ich glaube außerdem, dass wir mehr miteinander reden als Paare, die zusammenleben. Wir telefonieren jeden Abend – stundenlang“. Allerdings, so räumt er ein, ist absolutes Vertrauern eine Voraussetzung für dieses Arrangement.

Die Wochenendbeziehung – auch eine Chance?

Fakt ist, dass die Fernbeziehung von vielen Paaren auch als Chance gesehen wird, weil sich die Partner aus großer räumlicher Distanz heraus immer wieder neu aufeinander zubewegen müssen. Der Umgangston bleibt respektvoller, die Kommunikation lebendiger. Die Anwesenheit des Partners ist kein Gewohnheitsrecht, sondern die Ausnahme. Nähe wird als Geschenk erlebt, nicht als Selbstverständlichkeit. Durch das Angewiesensein auf telefonischen oder Mail-Kontakt entsteht eine intensive Gesprächskultur, ein besonderer Austausch. “Ich zehre noch von dieser Erfahrung, wenn uns hier der Alltagsstress überrollt“, resümiert Renate K., „dann erinnere ich mich an unser Ritual der Couchgespräche“.

red/ela