0 Bildungsrevolution in Deutschland!
Bildungsstudien als Abonnentenwerbung?

Quelle: photocase; Foto: gabs0110

Quelle: photocase; Foto: gabs0110

Das hätte man (der Verfasser) vielleicht von Bild oder Focus erwartet – aber nein, die Macher von Deutschlands wichtigestem (selbsternannt?) Nachrichtenmagazin, DER SPIEGEL, hatte diese Idee. Sie machen aus einem Mailing zur Abonnentenwerbung einfach die BILDUNGSSTUDIE 2011. Fraglos eine spektakuläre Idee. Hatte Deutschland bislang nur mehrere Millionen Fußball-Bundestrainer, wird es in Kürze (10.06.2011) zusätzlich etliche Tausend (der Flyer war einer  Teilauflage der ZEIT vom 14.04.2011 beigelegt.) Bildungspolitiker mehr geben.

Die Redaktion der Bürgerlobby verfolgt die Aktion des Siegel auch deshalb mit besonders großem Interesse, weil mit der Bildungsstudie 2011 erstmalig Bildungspolitik von der Basis ausgehend gemacht werden könnte. Eine mögliche Weiterentwicklung könnte dann eine Ted-Abstimmung zur Frage 2 aus der Bildungsstudie sein:

„Begrüßen Sie die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre?“

Die Bildungstheoretiker (längst) vergangener Jahre stellten ihr Tun und Überlegen unter die folgende Generalfrage: „Mit welchen Inhalten und Gegenständen müssen sich junge Menschen auseinandersetzen, um zu einem selbstbestimmten und vernunftgeleiteten Leben in Menschlichkeit, in gegenseitiger Anerkennung und Gerechtigkeit, in Freiheit, Glück und Selbsterfüllung zu kommen?“

Bildung heute folgt dagegen- so scheint es – mehr der Frage „Wie werden junge Menschen schnellstmöglich zu funktionsfähigen Teilen des wirtschaftlich-industriellen Komplexes?“  Bildungspolitik ist bereits im Grundschulalter geprägt von Begriffen wie „Early Excellence Center“ , Coolness-Training für Vorschulkinder oder Checklisten für den Erfolg in der Schule.

Dieser Effizienzwahn, dieses Beschleunigungsfieber setzt sich durch alle Stufen des deutschen Schulsystems bis hin zum Gymnsium fort und fand seine letzte Ausprägung in der Umstellung von neunjährigen auf das achtjährige Gymnasium. Mit der Umstellung auf G8 werden für Schüler, z.B. in Hessen, wöchentliche Schulstundenzahlen erreicht, die in etwa den Arbeitszeiten vieler Erwachsener entsprechen.

G8 wurde mit der Begründung eingeführt, dass das Berufseintrittsalter in Deutschland zu hoch sei und deshalb Deutsche auf dem internationalen Arbeitsmarkt benachteiligt. Diesen Nachteil sollte u.a. die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr beheben. Dass diese Verkürzung der Schulzeit auch eine Verdichtung des zu vermittlenden Stoffs zur Folge haben würde, wurde nicht als Problem gesehen, da effizienter (!) gearbeitet werden würde.

Einen Eindruck über Folgen und Auswirkungen von G8 vermitteln die Kommentare und Berichte, die Schüler, Lehrer und Eltern über die Jahre seit der G8-Einführung abgegeben haben. Z.B. aus dem Jahr 2005 Theodolinden-Gymnasium München; aus dem Jahr 2007 Eva-Maria Hartmann von der GEW Hessen; aus dem Jahr 2009 Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes; aus dem Jahr 2010 Gesprächskreis Bielefelder Eltern; aus dem Jahr 2011 Expedition abi2011 Blog. br-online.

Das Fazit aus diesen Berichten und damit die Antwort auf die Frage „Begrüßen Sie die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre?“ kann nur lauten:

Nein!
Die Verkürzung bedeutet in der bisherigen Umsetzung zweifellos eine Verschlechterung für die Schüler. Mangelhaft angepasste Lehrpläne führen zu permanentem Zeitstreß und fehlender Freizeit. Gleichzeitig bedingen die aus Zeitgründen erforderlichen Stoffkürzungen sowohl ein  Weniger an formalem Wissen wie auch einen Mangel an Beispielen zum konzeptionell-analytischen Denken. Ganz abgesehen von den aktuellen Problemen beim Zusammentreffen der Abiturienten nach G9 mit den Abiturienten der G8 Jahrgänge.

Wir wollen den SPIEGEL bei seiner Bildungsstudie 2011 unterstützen, Marketing hin oder her, die bundesdeutsche Bildungspolitik ist renovierungsbedürftig. Nicht erst seit heute.

Fordern Sie deshalb den Fragebogen zur Studie beim SPPIEGEL-Verlag, Stichwort „BILDUNGSSTUDIE 2011“ an. Da der Spiegel auf seiner Homepage keinen Hinweis auf die Bildungsstudie gibt, schreiben Sie am Besten an einen der Chefredakteure.

Dies sind: Bei SPIEGELonline ruediger_ditz@spiegel.de, beim Magazin georg_mascolo@spiegel.de

Thema wird fortgesetzt mit Frage 3 der BILDUNGSSTUDIE 2011: „Glauben Sie, dass Ganztagssschulen helfen, sozial benachteiligten Kindern Chancengleichheit im späteren Leben zu ermöglichen?“ Überlegen Sie sich schon mal eine Antwort!

Weitere Beiträge zum Thema:

So schlimm steht’s um Deutschlands Bildungspolitik – Abonnentenwerbung als Bildungsstudie verkleidet

Links zum Thema:

Deutschland will’s wissen
Bild macht Bildungspolitik! Eine Koproduktion mit Roland Berger, Bertelsmannstiftung und Hürriyet

Turbo-Abitur   Warum das G8-Modell die Schüler überfodert Stern, Hamburg

Das „Turboabitur“ – ein Irrweg? Der Tagesspiegel, Berlin

pro G9 – contra G8 Eltern-Initiative Schwarzenbek

TERMIN HINWEIS:
28.Mai 2010, 18:00 Uhr
Universität Hohenheim, Euroforum, Kirchnerstraße 3, 70599 Stuttgart
Podiumsdiskussion: G8 und Bachelor – wer bezahlt die Rechnung

 

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