0 Vor der eigenen Tür kehren

Weniger als ein Achtel der Deutschen versteht laut eigener Aussage die ARD-Nachrichtensendung Tagesschau vollständig. Und doch geben sich die meisten TV-Konsumenten das Ritual am Abend um Punkt Acht. Die vertraute Sprache gibt das heimelige Gefühl, die Welt sei trotz aller Katastrophen und allen politischen Hickhacks strukturierbar.

Fremdwörterduden wichtigstes Werkzeug

Sein wichtigstes Werkzeug sei immer der Fremdwörterduden gewesen, um seine Moderationstexte verständlich zu halten, hat Tagesthemen Ulrich Wickert bei seinem Ausscheiden laut Süddeutscher Zeitung (SZ) resümiert. Doch die Tagesschau verzichtet als einzige News-Sendungen in den deutschen TV-Vollprogrammen auf einen Moderator. Beim Verlesen der von Journalisten formulierten Texte durch einen Nachrichtensprecher leidet unter dem Zwang eines Überblicks über die wichtigsten Tagesereignisse binnen 15 Minuten offenbar die Verständlichkeit.

Zuviel Information in zu kurzer Zeit?

Laut einer Studie des Hamburger Gewis-Instituts verstehen nur zwölf Prozent der Zuschauer jedes Wort und jede Meldung in der Tagesschau. Nicht die Verständlichkeit der Sprache ist offenbar das Problem. Die Dichte der Information überfordert die Zuschauer wohl. „Die Tagesschau liefert zu viele Informationen in der knappen Zeit“, sagte der Sprachforscher Ulrich Schmitz von der Universität Duisburg-Essen der SZ. Der Wissenschaftler hat eine Langzeitstudie zur Sprache der Tagesschau gemacht. Das Ergebnis: In den 15 Minuten bekommen die Zuschauer ungefähr 1800 Wörter in 110 Sätzen zu hören. Das sind ungefähr drei längere Zeitungsartikel – allerdings zu durchschnittlich elf verschiedenen Themen.

Vertraute Formulierung bald vergessen

Dazu kommt ein sprachpsychologisches Problem: Die gestanzten Formulierungen sind der Grund, dass der größere Teil der vermittelten Informationen von den Zuschauern bald wieder aus dem Gedächtnis getilgt wird. „Die sprachlichen Formeln der Tagesschau wiederholen sich seit vielen Jahren“, hat Schmitz in mehreren Untersuchungen nachgewiesen. Über den Nahostkonflikt, einen Flugzeugabsturz oder die Staus zur Ferienzeit berichte die Tagesschau noch immer genau so wie 1978. „Man braucht nur die Namen auszuwechseln und die Nachricht liest sich, als wäre sie aktuell.“

Jahrelange Gewöhnung

Dass sich die Menschen hinterher nicht mehr an die Nachrichten erinnerten, erklärt Schmitz mit der jahrelangen Gewöhnung an die Tagesschau. Das Herkömmliche, ausgedrückt in der immergleichen Sprache werde ausgeblendet, nur das Außergewöhnliche findet den Weg ins Gedächtnis.

Fünf Millionen Zuschauer

Obwohl sich die Formeln der Nachrichtensprache wiederholen, schauen doch rund fünf Millionen Menschen täglich die Tagesschau um 20 Uhr. Zwar nimmt in den letzten Jahren die Zuschauerquote ab, doch die ARD-Sendung ist weiterhin Marktführer.

Allabendlicher Trost

Schmitz nennt die Tagesschau ein „allabendliches Ritual“, das eine wichtige Funktion erfülle: „Sie spendet den Zuschauern durch ihre sprachliche Kontinuität Trost.“ Sie vermittle das sichere Gefühl, dass alle Ereignisse in der Welt erklärbar sind und dass diese sich über die Zeit wiederholten: politische Entscheidungen, Naturkatastrophen, Geburt und Tod. „Wie bei einem Kartenspiel sind die Regeln des Spiels stets die gleichen. Die immer neue Kombination ist dabei das eigentlich Interessante“, sagte der Sprachforscher der SZ. Diese Kombination wird demnach nur als außergewöhnlich wahrgenommen und länger im Gehirn gespeichert, wenn sie die Normalität durchbreche, wie etwa das Extrembeispiel vom 11. September.

/ug

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