0 Thomas Bach im Doping-Chaos
Gegenwart und Vergangenheit eines IOC-Chefs

Mit den Recherchen des ARD-Reporters Hajo Seppelt zum staatlich gestützten Doping in Russland hat es angefangen, mit dem (kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro veröffentlichten) McLaren-Report  hatte es einen ersten Höhepunkt und mit der Delegierung der Ausschluss-Entscheidung für russische Sportler an die einzelnen Fachverbände durch den IOC-Chef wurde es final bestätigt, das Doping-Chaos des IOC.
Dessen Chef Bach zeigte sich zwar entsetzt über das systematische, jahrelange Doping in Russland, wollte aber über Sanktionen nicht entscheiden und verhedderte sich bei Fragen zu der stets gepredigten „Null-Toleranz“ gegen Doping. Außerdem hat er viele Statments der Vergangenheit wohl einfach vergessen.

Deshalb haben wir in der olympischen Vita des Dr. Thomas Bach nach Aussagen zum Thema „Umgang mit Dopern und deren Helfern und Unterstützern“ gesucht und fanden jenen Thomas Bach, der, ähnlich dem seinerzeitigen brutalstmöglichen Aufklärer in Hessen, härteste Strafen und Null-Toleranz für Dopingsünder und deren Helfer forderte.

Lesen Sie einige Kostproben in zeitlich loser Folge:
4. August 2009
(Quelle: Homepage DOSB)

„Athleten werden sportrechtlich bestraft, ohne dass ihnen ein Verschulden nachgewiesen wird (strict liability). Die oft mindestens ebenso verantwortlichen Hintermänner gehen dagegen meist straffrei aus. Das ist nicht hinnehmbar.“

30. Juni 2006
(Quelle: Homepage DOSB)

Anläßlich der Suspendierung von Jan Ulrich meinte Thomas Bach

„Darüber hinaus zeige der Vorgang erneut, dass die Erfolge beim Anti-Doping-Kampf immer dann am größten seien, wenn es gelinge, an die Hintermänner und professionellen Drahtzieher des Doping-Betruges heranzukommen. „Wenn wir die Zellen und Netzwerke offen legen und gleichzeitig präventiv arbeiten, packen wir das Übel an der Wurzel“, so Bach.“

22. Juli 2006
(Quelle: Homepage DOSB)

Diese Aussagen sind besonders mit Blick auf das nachgewiesene Staatsdoping interessant denn es wird von der Zusammenarbeit von Sportverbänden und staatlichen Stellen abgehoben:

„Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes hat sich in einem Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu aktuellen Fragen des Anti-Doping-Kampfes geäußert:
„Der neuerliche Doping-Skandal im Radsport hat die Diskussion um den Kampf gegen Doping gerade in Deutschland neu entfacht. Dies ist ganz im Interesse der vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) verfolgten Null-Toleranz-Politik.
Die erste Empörung hat dabei allerdings zu einer Verkürzung der Argumente auf die Frage geführt, ob man ein „Anti-Doping-Gesetz“ brauche oder nicht. Wir sollten uns jedoch zunächst der Frage nach den Inhalten zuwenden – und dann die notwendigen Formen schaffen. Es ist allgemeine Ansicht, daß weder Sport noch Staat den Kampf gegen Doping alleine führen können. Beide müssen zusammenwirken, um möglichst hohe Effektivität und Abschreckung zu erreichen. Dies führt sinnvollerweise zu einer koordinierten Arbeitsteilung. Das bedeutet, daß Sport und Staat jeweils das tun, was sie effektiver können, und sich durch Zusammenarbeit gegenseitig in die Lage versetzen, tätig zu werden.“

4. Dezember 2010
(Quelle: Homepage DOSB)

Aus einer Rede anläßlich der 6. Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbunds in München.

„Der Kampf gegen Doping muss sich also ständig neuen Herausforderungen stellen, er muss jeden Tag neu und mit gleicher Konsequenz geführt werden. Deshalb hoffen wir auf einen besseren Informationsaustausch mit noch mehr Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften. Deshalb setzen wir auf qualitativ verbesserte Kontrollmethoden und noch zielgerichtetere, intelligente Kontrollen. Doping hat im Sport keinen Platz es gilt die Null-Toleranz-Politik des DOSB.“

8. Dezember 2007
(Quelle: Homepage DOSB)

Rede Thomas Bach anläßlich der 3. Mitgliederversammlung des DOSB in Hamburg:

„Wir können zur Kenntnis nehmen, dass das IOC die Bestimmung unserer DOSB-Nominierungsrichtlinien, nach denen ein Dopingverstoß während des Zeitraums einer Olympiade grundsätzlich zum Verlust der Nominierungsfähigkeit führt, zur weltweiten Verpflichtung machen will.“

Und, besonders interessant bei der anstehenden Diskussion um nicht erreichte Siege und Medaillengewinne:

„Unsere Athleten unterstützen diese Null-Toleranzpolitik zur Erhaltung und Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit des Sports. Deshalb haben wir Vertrauen in unsere Athleten – sie wollen wie wir Erfolg, aber keinen schmutzigen Lorbeer. Mit diesem Bekenntnis zu einem sauberen Sport und gegen jeden Generalverdacht sollten sich die Athleten in Zukunft noch deutlicher und offensiver zu Wort melden“

Zum Schluss ein besonderes „Schmankerl“: Die Kronzeugenregelung

24. Mai 2007
(Quelle Homepage DOSB)

Anlässlich der Enthüllungen um die Doping-Affäre des Teams von T-Mobile und den Bekenntnissen von Erik Zabel und Rolf Aldag meinte Dr. Thomas Bach – der Thomas Bach, der heute meint, dass die Whistleblowerin Julia Stepanowa nicht den „ethischen Anforderungen“ für einen Start in Rio de Janeiro entspräche – folgendes:

„Das offene Bekenntnis von Rolf Aldag und Erik Zabel und die öffentlich geäußerte Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, ist sehr zu begrüssen. Denn der Sport braucht jetzt zweierlei: noch mehr Athleten, die zu dem stehen, was sie getan haben und eine saubere Prüfung jedes einzelnen Falles: wer hat was gemacht, wer kann wie zur Aufklärung beitragen? Hier fordern wir den Internationalen Radsportverband auf, sehr schnell gemeinsam mit allen Beteiligten und Betroffenen zu prüfen, wie großflächig und großzügig von der im Code der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) vorgesehenen Kronzeugenregelung Gebrauch gemacht werden kann.“

Es gibt noch eine ganze Reihe ähnlich stringenter Aussagen des heutigen IOC-Präsidenten. Aussagen aus den Jahren, in denen er sich noch „im Aufstieg“ befand. In der Phase also, in der es galt, Unterstützer und Wähler für den letzten, den größten Karriereschritt zu gewinnen.

Auch die Sportler mussten gewonnen werden. Und auch da gibt es ein Dokument über das man sich – zumindest – wundert, wenn man Bachs Umgang mit dem russichen Staatsdoping sieht:

Es ist der offfene Brief, den 20 international erfolgreiche Sportler im Jahr 2013 an Thomas Bach schickten, heißt es:

WIR GEGEN DOPING

Sehr geehrter Herr Dr. Bach, lieber Thomas,

wir – Athletinnen und Athleten aus fünf Jahrzehnten und acht Sportarten – bitten Sie und das Präsidium des DOSB, im Interesse des deutschen Sports umfassende Lehren aus der Studie „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“ zu ziehen.

Mit diesem erklärten Ziel finden Sie anbei unsere Auflistung von zu bearbeitenden Themen, die sich aus der Studie sowie dem aktuellen Kenntnisstand zum Anti-Doping-Kampf ergeben. Damit wollen wir Athletinnen und Athleten Kriterien auflisten, an denen sich Qualität und Glaubwürdigkeit der Dopingbekämpfung in Deutschland künftig messen lassen sollen.

Aus unserer Sicht sollte die weitere Behandlung der Studie und die Entwicklung neuer Wege im Anti-Doping-Kampf in einem transparenten Verfahren unter Einbeziehung wichtiger Institutionen sowie Gruppen von Betroffenen – insbesondere auch von jetzigen und ehemaligen Aktiven – und unter Einbeziehung unabhängiger, nicht in dem bisherigen Anti-Doping-System befangenen Persönlichkeiten aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen erfolgen.

Die von Ihnen unter Vorsitz von Prof. Udo Steiner eingesetzte Evaluierungskommission deckt lediglich einen kleinen Teil der nun zu leistenden Arbeit ab. Wir bitten darum, dass der Auftrag dieser Kommission ebenfalls transparent gemacht, die einzelnen Schritte im Sinne der Teilhabe erarbeitet und die Ergebnisse kontinuierlich veröffentlicht werden.

Nur wenn jetzt über diese Kommission hinaus eine grundlegende Anstrengung unternommen wird, den humanen Spitzensport grundlegend voran zu bringen, lässt sich jene Glaubwürdigkeitslücke schließen, die aus unserer Athleten-Sicht über Jahrzehnte nicht nur durch einzelne Täter bzw. in Leistungsmanipulationen Verstrickte, sondern auch durch – trotz offensichtlicher Mängel im Anti-Doping-System – untätige oder naive Sportfunktionäre, Ärzte und politisch Verantwortliche immer größer geworden ist.

Das Forschungsprojekt „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“ hat wesentliche Erkenntnisse zum systemischen Doping in der alten Bundesrepublik Deutschland bis 1990 zusammen gefasst und um neue Fakten sowie Analysen erweitert. Insbesondere wurden die Strukturen und Bedingungen, unter denen Doping trotz gegenteiliger öffentlicher Vorgaben bzw. Beteuerungen sich verbreiten und unentdeckt bleiben konnte, beleuchtet.

Die anschließende Debatte verharrte jedoch in Vertuschungsvorwürfen, der einseitigen Suche nach Schuldigen und im Streit um Pro und Contra eines Anti-Doping-Gesetzes. Damit wird die Erarbeitung von Schlussfolgerungen aus der Doping-Studie für einen effektiveren Anti-Doping-Kampf in der Zukunft erschwert oder womöglich sogar verhindert.

Dies darf auf keinen Fall passieren, denn die Rahmenbedingungen, Systemzwänge und Mentalitäten, die zu einer „Doping- Kultur“ führen können, bestehen weitgehend unverändert fort. Dies haben nicht zuletzt die Ergebnisse der Befragung „Dysfunktionen im Spitzensport“ von 1.100 Aktiven im Auftrag der Stiftung Deutsche Sporthilfe im Februar 2013 aufgezeigt: Erfolgsdruck und Existenzängste werden als hervorstechende Gründe für Fehlverhalten genannt, 5,9 % der Befragten geben ehrlich zu, sie würden regelmäßig zu Dopingmitteln greifen (rund 40 % haben die Frage nicht beantwortet, was auf eine höhere Dunkelziffer schließen lässt).
Selbst die WADA bestätigt die festgestellte Diskrepanz zwischen geringen Zahlen an positiven Proben und weit höherem Anteil tatsächlicher Dopingvergehen (siehe „Report on Lack of Effectiveness of Testing“ vom Mai 2013). Die Ineffektivität des derzeitigen Anti-Doping-Kontroll-Systems, das den aktuellen Aktiven erhebliche, teils sogar verfassungswidrige Einschränkungen ihrer Persönlichkeitsrechte zumutet, kann nicht mehr in Frage gestellt werden.

Sehr geehrter Herr Dr. Bach, lieber Thomas,

Sie werden es zu schätzen wissen, dass sich Athletinnen und Athleten für einen dopingfreien Sport engagieren – das setzt Ehrlichkeit bei der Aufarbeitung von dopingfördernden Strukturen und Systemen voraus. Wir gehen davon aus, dass Sie als Olympiasieger sich hinter unsere Initiative stellen können.

Unterzeichnet haben:
Brigitte Berendonk, Leichtathletik, Olympiaachte Diskus 1968
Johannes Bitter, Handball, Weltmeister 2007 und Champions League Sieger 2013
Antje Buschschulte, Schwimmen, Weltmeisterin 2003, 5 olympische Bronzemedaillen
Jens Dautzenberg, Leichtathletik (400m), Deutscher Meister 1997, Deutscher Vizemeister 2002
Sebastian Dietz, Moderner Fünfkampf, Weltmeister Mannschaft 2007 und deutscher Meister
Imke Duplitzer, Fechten (Degen), Europameisterin Einzel (1999, 2010), Mannschaftssilber Olympische Spiele 2004
Paul Frommeyer, Leichtathl. (Hochsprung), Deutscher Vizemeister 1977; Dritter Weltrangliste 1983
Johannes Herber, Basketball, Deutscher Meister 2008, 74-facher Nationalspieler (5. Platz EM 2007)
Franz-Josef Kemper, Leichtathletik (800m-Lauf), Europarekord 1966 und Olympiavierter 1972
Claudia Lepping, Leichtathletik (200m-Lauf), Juniorenrekordlerin und Deutsche Vize-Meisterin 1986
Gabi Lesch-Sewing, Leichtathletik (800 m-Lauf), Vierfach Deutsche Meisterin 1988-1990, EM-Dritte 1988
Anja Matthies (Handball), Jugend-EM 1992 (Bronze), Junioren-WM 1995 (7. Platz)
Folkert Meeuw, Schwimmen, Olympiazweiter Staffel 1972
Helge Meeuw, Schwimmen, Vizeweltmeister 2009
Jutta Meeuw, Schwimmen, Olympiadritte Staffel 1972
Ellen Mundinger, Leichtathletik (Hochsprung), Deutsche Meisterin 1972, Olympiazehnte 1972
Sylvia Schenk, Leichtathletik (800m-Lauf), Deutsche Meisterin und Olympiateilnehmerin 1972
Heidi Schüller, Leichtathletik (100m Hürden), Olympiafünfte 1972
Tina Smolders, Radsport (Straße), Juniorenweltmeisterin 1998
Michael Zellmer, Wasserball, Olympiafünfter 2004, Olympiazehnter 2008

Angefügt an diesen Brief war eine Aufgabenliste für die Evaluierungs-Kommisson zur Dopingstudie

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