0 Olympia-Nein in Hamburg
Armageddon des (Spitzen-)sports?

Ist nach dem Hamburger Volksentscheid jetzt das Armageddon für den deutschen (Spitzen-)Sport gekommen? So, wie es der Sport-Redakteur der FAZ, Anno Hecker, mit folgendem Satz vorhergesehen hat?

„Es ist grotesk, aber unbestreitbar: Ein paar Hunderttausend Bürger einer Stadt entscheiden auch über das Wohl und Wehe des Spitzensports in ganz Deutschland.“

Und von wegen „der Bürger“ ist wahlmüde:
Mit einer Wahlbeteiligung von 50,1 Prozent beweisen die Hamburger der Gegenteil und stellen jede einzelne der letzten Bundes- oder Landtagswahlen in den Schatten. Ob das wohl daran lag, dass die Bürger wußten, dass sie bei dieser Wahl mit ihrer Stimme wirklich etwas bewirken konnten? Bemerkenswert auch, dass trotz der hohen Emotionalität des Themas die Zahl der ungültigen Stimmen bei nur 0,2 Prozent lag im Vergleich zu 1,7 Prozent bei Bundestagswahlen.

Waren es die Berichte über die Gigantomanie von Sotschi oder Baku? Waren es die gigantischen Budget-Überziehungen bei Großprojekten wie der Elbphilharmonie oder dem magischen Kürzel BER? Waren es die Skandale rund um den Spitzensport in aller Welt? War es die späte Entzauberung es Sommermärchens von 2006? Waren es die unsäglichen Lizenz- und Steuersonderregelungen der großen Geldmaschinen des Sports?

Was hat die Hamburger NEIN! sagen lassen?
Wir wissen es nicht und deshalb interessiert uns heute ganz besonders die „veröffentlichte“ Meinung der großen Medien:

Die Süddeutsche Zeitung weist in ihrem Beitrag „Hamburger lehnen Olympia-Bewerbung ab“ auf die bis zuletzt unklare Finanzierungsfrage hin:

„Größte Bedenken hatten in der Hansestadt zuletzt wegen der ungeklärten Finanzierung geherrscht. Der Bund sträubte sich selbst wenige Tage vor Referendumsschluss, den von Hamburg errechneten Anteil in Höhe von 6,2 Milliarden Euro zu übernehmen. „Es geht um viel Geld. Und da werden wir uns am Ende schon einigen“, versuchte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zu beruhigen. Das gelang ihm offensichtlich nicht. Insgesamt sollten die Spiele 11,2 Milliarden Euro kosten. Maximal 1,2 Milliarden hätte Hamburg übernommen. Als Erlöse wurden 3,8 Milliarden Euro erwartet.“

Unter der Überschrift „Hamburg vergibt eine große Chance“ resümiert die Schleswig Holsteinische Zeitung (SHZ):

„Die gegenwärtige Gefechtslage hat Hamburg beeinflusst: Terrorismus, Fifa- und DFB-Skandal. Auch die Diskussion über die Flüchtlings-Situation. All dies hat die zum Sport tendierende Gesellschaft beeinflusst. Die aktuelle Angst, aber auch das Aufbegehren gegen Korruption im Sport, dazu die Alltagssorgen, haben das „Jetzt“ zum Sieger über den Mut in die Zukunft gemacht. Verloren hat auch die Politik: Eine Wahlbeteiligung von über 50 Prozent in Hamburg zeigt, dass Bürger an die Urne gehen, wenn sie verstehen, um was es geht.“

Unter der Überschrift „Hamburg 2024 Games Bid Collapses in Referendum Defeat“ (Volksabstimmungs-Niederlage läßt Hamburgs Olympia-Bewerbung 2024 platzen) schreibt die New York Times:

„Überschattet wurde die Hamburger Bewerbung von einer Verkettung von  Ereignissen wie der tödlichen Attacke der islamistischen Terroristen in Paris anfang des Monats, der Flüchtlingskrise und den weltweiten Sportskandalen.
Deutschland erwartet, grob geschätzt,  allein in diesem Jahr eine Million Flüchtlinge und Migranten. Während die Behörden mit der Bewältigung dieses Ansturms kämpfen, sagen die Kritker der Spiele dass kein Geld für Sportstätten ausgegeben werden sollte.
Schockiert wurden die Deutschen außerdem von den Ermittlungen gegen den Deutschen Fußballbund im Zuammenhang mit einer 6,7 Millionen Euro Zahlung an den Fussballweltverband FIFA, angeblich für den Stimmenkauf bei Deutschlands Bewerbung um den Weltcup 2006.“

Darum Skepsis:
Bis zum Schluss war allerdings unklar, wie viel die von den veranschlagten 7,4 Milliarden Euro die Hamburger dafür zahlen. Und wie viel der Bund übernimmt. Ganz zu schweigen davon, ob es bei diesen Kosten geblieben wäre – in Zeiten, in denen Hamburgs Elbphilharmonie die Steuerzahler nun mutmaßlich 789 Millionen Euro kostet statt kalkulierter 77 Millionen; in Zeiten, in denen für die Sanierung des Alten Elbtunnels nun plötzlich mehr als 70 Millionen statt 17 Millionen Euro fällig werden.

Bemerkenswert der Kommentar bei n-tv, der unter der Überschrift steht „Das ist kein Nein zu Olympia“

„Die Hamburger wollen nicht um Olympia werben – der Sport reagiert beleidigt. Dabei haben die Menschen gute Gründe. In Zeiten von Skandalen und Korruption ist das einzig Gesunde ihr Misstrauen. Kleingeistig ist das nicht.Sie haben nicht Nein gesagt zu Olympia. Sie haben nicht Nein gesagt zum größten Sportfest der Welt. Sie haben Nein gesagt zu denen, die das Ganze organisieren. Sie haben den Olympia-Funktionären deutlich gesagt, was sie von ihnen halten – nämlich nichts.“

Und weiter

„Wir erleben Zeiten, in denen Funktionäre des Weltfußballverbandes ins Gefängnis müssen und gesperrt werden; Zeiten, in denen selbst der angeblich so saubere DFB seine Affäre hat; Zeiten, in denen Skandale, Korruption und Vetternwirtschaft die Verbände verseuchen; Zeiten, in denen russische Leichtathleten nicht mehr mitmachen dürfen, weil sie über Jahre flächendeckend und organisiert gedopt haben. In diesen Zeiten ist das einzig Gesunde das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber sportlichen Megaveranstaltungen.“

n-tv fasst in diesem Kommentar am deutlichsten all das zusammen, was die Hamburger zu ihrem Nein bewegt haben dürfte. Die Zukunft wird zeigen, ob die nationalen und internationalen Funktionäre Weckrufe dieser Art verstehen.

11,2 Milliarden sollte Olympia 2024 kosten. Davon sollte der Bund 6,2 Milliarden übernehmen, das hochverschuldete Hamburg wollte für maximal 1,2 Milliarden aufkommen und 3,8 Milliarden Erlöse wurden erwartet.

Diese Summen werden jetzt nicht für Olympia bewegt – sie bleiben aber für marode Turnhallen, neue Sportplätze, fehlende Kinderspielplätze, bessere Ausstattung der Schulen und andere Maßnahmen der Daseinsvorsorge. Der Sport muss also nicht untergehen in Deutschland.

Bleibt die Frage: Haben die Hamburger „Nein-Sager“ wirklich Chancen verspielt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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