0 Deutschland das „ja, aber…Land“

Dunja Hayali, die fröhlich-freundliche ZDF-Modeatorin, vielen Fernsehzuschauern aus dem ZDF-Morgenmagzin bekannt, zeigt mit ihrer neuen Sendung „Donnerstalk“, dass sie weit mehr ist als die morgendliche Plaudertasche, die uns dabei hilft fröhlich in den Tag zu gehen. Sie versteht es unterschiedliche Themen in einer Sendung so anzupacken, dass innere Zusammenhänge sichtbar werden die ansonsten nicht unbedingt offensichtlich sind.

Ihre Entgegnung auf die Hassbotschaften die regelmäßig ihren facebook-account zumüllen ist ein leidenschaftlicher Weckruf an uns alle.

Wir veröffentlichen ihn hier gemeinsam mit dem einleitenden Text der Süddeutschen und hoffen, dass wir keine Abmahnung bekommen.

  • Dunja Hayali kontert auf Facebook Hassbotschaften, die sie in der aktuellen Flüchtlingsdebatte erreichen.
  • Am meisten regt sich die ZDF-Moderatorin aber über diejenigen auf, die „Ja, aber …“ sagen.
  • Ihr Statement findet im Netz großen Zuspruch.
Von Carolin Gasteiger

Dunya Hayalis Appell an Menschlichkeit und gegen Fremdenhass ist nicht der erste. Anja Reschke, Til Schweiger, Armin Wolf, zuletzt Joko & Klaas sprachen sich in aller Öffentlichkeit gegen den momentan kursierenden Rassismus aus.

Und doch hat das Statement von ZDF-Moderatorin Dunja Hayali eine andere Dimension. Ist Hayali, selbst irakischer Abstammung, doch persönlich von rechtsextremen Anfeindungen betroffen. Auf Facebook hat sie nun eine der an sie gerichteten Beleidigungen veröffentlicht – stellvertretend für alle, die sie in letzter Zeit erhalten hat. Sätze wie dieser hier:

Hayali engagiert sich seit Jahren gegen Rassismus. Vergangene Woche hatte sie mit Bundesjustizminister Heiko Maas Heidenau besucht und dort mit Schülern über Fremdenhass diskutiert. Dem MDR zufolge bezeichnete Hayali Flüchtlingsgegner als „rechten Abschaum“. Ihrem Post fügte sie Bilder aus der Landeserstaufnahmeeinrichtung in der sächsischen Kleinstadt bei.

Das Dunja Hayali Statement

– FICK DICH DU FLÜCHTLING – DEIN NAME IST SCHON EKELHAFT GENUG – VERLASSE UNSER DEUTSCHLAND – …

An alle, die solche oder schlimmere Nachrichten an mich schreiben,

ja, ich lese alles! Immernoch. Auch die persönlichen Diffamierungen, Beleidigungen und Pestmails. Auch jene, die Sie auf ZDF, ZDF morgenmagazin und ZDF heute posten.
Was mich jedoch im Innersten erschreckt, sind die Ja-Aber-Kommentare. „Ich hab ja nichts gegen Flüchtlinge, aber…“ ABER WAS???

Die Flüchtlinge, die alles hinter sich gelassen haben, Haus, Job, Leben, Würde, Zukunft… Die Flüchtlinge, die im Meer versinken, in Lastwagen ersticken, vergewaltigt werden, weil sie von uns ein Taschengeld wollten? Asylschmarotzer?

Es gibt KEINE Asylschmarotzer. Das Asylrecht ist ein Menschenrecht. Ach ja, ich weiß, Sie meinen ja nicht die richtigen (Kriegs-), sondern die falschen (Wirtschafts-) Flüchtlinge. Die aus den Balkanstaaten oder aus Afrika. Ja, es stimmt und gehört zur Wahrheit dazu: wer aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kommt, hat kein Anrecht auf Asyl und muss so schnell wie möglich in sein Land zurückgeführt werden. Auch das gehört dazu, wenn man das Asylrecht schützen möchte. Nicht schön, dennoch unvermeidbar. Aber wir Bürger sind nicht die Richter. Wer sind wir, anderen zu verbieten, das Beste für sich und die eigenen Kinder zu suchen? Ich weiß auch, dass wir nicht alle aufnehmen können, darum geht es hier doch auch gar nicht, aber vergessen Sie nicht: wir sind nicht unschuldig an der Situation vieler Flüchtlinge. Genau diese Fluchtursachen gilt es zu bekämpfen, damit Menschen keinen Grund mehr haben, ihre Heimat zu verlassen. Die Verzweiflung muss groß sein, wenn man alles verkauft und sich dann auf den Weg macht. Wie groß muss die Not der Eltern sein, die ihren 16 jährigen Sohn aus Syrien losschicken, damit wenigstens einer aus der Familie überlebt.

Die Jugendlichen, die ich getroffen habe, sind über 4000 Kilometer gelaufen. Sie sind traumatisiert. Einige von ihnen sind vergewaltigt worden. Und was schrieb mir dazu jemand auf fb: „Das Pack will doch nur ihre Familie nachholen, kümmere dich doch lieber um die Obdachlosen, Rentner und Kinder.“

Deshalb will ich klarstellen:

1) Es geht Sie gar nichts an, um wen oder was ich mich kümmere.

2) Arm gegen ärmer ausspielen, ist armselig.

3) Kosten-Nutzen-Rechnungen in Bezug auf Menschen lehne ich ab.

Deshalb haben Sie folgende Möglichkeiten:

1) Verklagen Sie unseren Staat, weil Deutschland die Genfer Flüchtlingskonvention und die Europäische Menschenrechtskonvention unterschrieben hat.

2) Stellen Sie die Grundlagen unseres Rechtsstaats in Frage.

3) Wehren Sie sich gegen die Flüchtlingspolitik.

Seit wann darf man hierzulande eigentlich wieder öffentlich gegen Ausländer hetzen, ohne dass ein Aufschrei durch die Gesellschaft geht? Seit wann ist das wieder in Ordnung?

Und nein, das heißt nicht, dass ich jeden, der Ängste und Sorgen äußert, in die rechte Ecke stelle. Warum auch? Das muss möglich sein! Aber es gibt einen Unterschied zwischen Sorgen und Ressentiments. Und wenn sich Flüchtlinge hier „daneben benehmen“, dann sind die Strafverfolgungsbehörden gefordert. Wie bei allen anderen auch. Das ist doch keine Frage.

Und noch was: ich kann auch verstehen, dass die Art und Weise, wie Politik in Teilen kommuniziert, viele unzufrieden und wütend macht. Ich kann verstehen, dass es nicht besonders schlau ist, in einem 100-Seelen-Ort, 50 Flüchtlinge unterzubringen. Aber dann ziehen Sie doch bitte vors Rathaus und demonstrieren Sie dort. Was können denn die Flüchtlinge dafür?

Eines, und es wird viel zu oft vergessen, möchte ich hier aber auch noch mal laut und deutlich sagen: 1000 Dank an all die unzähligen haupt- und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die keine Mühen scheuen, die kreativ helfen, die nicht lang nachdenken oder diskutieren, sondern einfach machen. In der realen Welt. Es sind viele und es werden immer mehr. Ihnen sollten unser Respekt und unsere Anerkennung gelten. Auf sie sollte unsere Aufmerksamkeit zielen. Ihre Arbeit ist unbezahlbar. Stattdessen werden sie angefeindet. Sie werden bedroht und beschimpft. Warum? Weil sie Menschen helfen! Geht`s noch?

Nadine Lindner vom „Deutschlandfunk“ sagte letztens: „Und das ist eigentlich ein Skandal. Denn sie verteidigen das weltoffene Deutschland und das Grundrecht auf Asyl an Orten, wo keine Kameras und Mikrofone sind. Sie kämpfen mit Argumenten um diejenigen, die sich sonst möglicherweise den Schreihälsen mit den einfachen Lösungen anschließen. Ihnen sollte unsere Aufmerksamkeit gebühren: Sie spenden nicht nur Kleidung, sondern auch Trost. Sie sind Lehrer, Ärzte, Übersetzer, Kommunalpolitiker, Alltagsbegleiter, freiwillige Helfer in den Flüchtlingsunterkünften. Die anderen sind lauter, aber sie sind wichtiger.“

Deshalb eine Bitte: teilen oder liken Sie diese Zeilen, aber noch viel wichtiger: helfen Sie – in der realen Welt!!!!

Als junge Journalistin saß ich während des Solingen-Prozesses im Gerichtssaal. Sie erinnern sich: bei einem Brandanschlag kamen am 29. Mai 1993 fünf Menschen ums Leben. Die Tat hatte einen rechtsextremen Hintergrund. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass es in diesem modernen Deutschland mit dieser Geschichte noch schlimmer kommen könnte. Nun ist es soweit. Und das macht mich nicht nur traurig, sondern wütend. Ich fürchte mich davor, was noch alles passieren wird. Das ist Deutschland? Das ist unwürdig und beschämend. Für dieses Land, das so großartig ist.

Also hören Sie auf mit dem „Ja, aber“. Es geht jetzt um was. Denken Sie doch mal nach! Nicht die Flüchtlinge gefährden unsere Zukunft. Sondern Sie, die Sie mir diese ehrabschneidenden Nachrichten schicken.

Dunja Hayali

Fortsetzung Süddeutsche Zeitung:

„Aber in ihrem Statement empört sich Hayali nicht über diejenigen, die ihr bitterböse Hassmails oder wüste Beleidigungen schicken. Am meisten regt sie sich über die auf, die stets „Ja, aber“ sagten:

„ABER WAS??? Die Flüchtlinge, die alles hinter sich gelassen haben, Haus, Job, Leben, Würde, Zukunft… Die Flüchtlinge, die im Meer versinken, in Lastwagen ersticken, vergewaltigt werden, weil sie von uns ein Taschengeld wollten? Asylschmarotzer?“

Außerdem wird in ihrem Statement deutlich, wie sehr die 41-Jährige persönlich von der Entwicklung betroffen ist, die die Flüchtlingsdebatte gerade nimmt. Als junge Journalistin habe sie 1993 den Solingen-Prozess im Gerichtssaal verfolgt und „nicht für möglich gehalten, dass es in diesem modernen Deutschland mit dieser Geschichte noch schlimmer habe kommen können.“

 Hayali fürchte sich davor, was noch alles passieren werde. „Das ist Deutschland? Das ist unwürdig und beschämend“, schreibt sie weiter.

Abschließend appelliert sie direkt an die „Ja, aber“-Sager:

„Also hören Sie auf mit dem ,Ja, aber‘. Es geht jetzt um was. Denken Sie doch mal nach! Nicht die Flüchtlinge gefährden unsere Zukunft. Sondern Sie, die Sie mir diese ehrabschneidenden Nachrichten schicken.“

Innerhalb von vier Stunden wurde Hayalis Facebook-Post mehr als 30 000 Mal geteilt. Viele der Kommentatoren pflichten der Moderatorin bei, bedanken sich für ihre klaren Worte – gerade, weil sie so persönlich sind.

{ 0 Kommentare... Schreibe einen Kommentar }

Sie können entweder das Formular ausfüllen oder sich mit Ihren Facebook-Konto anmelden, um Kommentare schreiben zu können.

 

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

 

Zum Absenden bitte folgende Aufgabe lösen: * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.