0 Zum Miteinander von Kulturen und Religionen

In Zeiten von Pegida, Legida und anderen fragwürdigen Initiativen zum „Erhalt des Abendlands“ setzte Bundespräsident Gauck mit seiner Rede zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ein deutliches Zeichen.

Die Rede im Wortlaut:

„Heute vor 70 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee befreit. Vor bald 20 Jahren versammelte sich der Bundestag erstmals, um mit einem eigenen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Die Erinnerung dürfe nicht enden, forderte damals Bundespräsident Roman Herzog. Und er sagte: „Ohne Erinnerung gibt es weder Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft.“

Viele prominente Zeitzeugen haben seitdem hier vor dem Hohen Haus geredet – Überlebende aus den Konzentrationslagern, aus den Ghettos und dem Untergrund, auch Überlebende belagerter, ausgehungerter Städte. In bewegenden Worten haben sie uns teilhaben lassen an ihrem Schicksal. Und sie haben gesprochen über das Verhältnis zwischen ihren Völkern und den Deutschen, in dem nach den Gräueltaten der Nationalsozialisten nichts mehr so war wie zuvor.

Erlauben Sie mir bitte, dass ich auch heute zunächst einen Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, einen Zeitzeugen allerdings, der den Holocaust nicht überlebt hat. Seine Tagebücher aber sind überliefert und veröffentlicht, wenn auch erst 65 Jahre nach seinem Tod

Ich spreche von Willy Cohn. Er stammte aus einer gut situierten Kaufmannsfamilie und unterrichtete an einem Breslauer Gymnasium. Er war ein orthodoxer Jude, tief verbunden mit deutscher Kultur und Geschichte, im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz. Unter dem NS-Regime verlor Cohn seine Arbeit, er verlor Freunde und Verwandte durch Selbstmord und Ausreise. Er ahnte das Ende, als ihn Nachrichten von der Errichtung der Ghettos im besetzten Polen erreichten und von Massenerschießungen in Lemberg. Doch obwohl er all dies wusste, bewahrte sich Cohn eine nahezu unerschütterliche Treue zu dem Land, das ihm das seine schien. „Ich liebe Deutschland so“, schrieb er, „dass diese Liebe auch durch alle Unannehmlichkeiten nicht erschüttert werden kann. […] Man muss loyal genug sein, um sich auch einer Regierung zu fügen, die aus einem ganz anderen Lager kommt.“

Cohns Loyalität, deren Unbedingtheit uns heute fast unheimlich erscheint, weil wir den weiteren Verlauf der Geschichte kennen, Cohns Loyalität wurde auf das Allerbitterste enttäuscht. Am 25. November 1941 verluden willige Helfer seine Familie in einen der ersten Züge, die Juden aus Breslau in den Tod deportierten. Tamara, die jüngste Tochter von Willy Cohn, war gerade drei Jahre alt. Vier Tage später hielt der SS-Standartenführer Karl Jäger fest, dass 2.000 Juden im litauischen Kaunas mit Maschinengewehren erschossen worden seien.

Der deutsch-jüdische Schriftsteller Jakob Wassermann, der in den 1920er Jahren zu den meistgelesenen Autoren zählte, hatte bereits Ende des Ersten Weltkrieges desillusioniert geschrieben: Es sei vergeblich, unter das Volk der Dichter und Denker zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. „Sie sagen“, schrieb er, „was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit? Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: er ist Jude.“

Der Jude der Antisemiten, das war j kein Wesen aus Fleisch und Blut. Er galt als das Böse schlechthin und diente als Projektionsfläche für jede Art von Ängsten, Stereotypen und Feindbildern, sogar solchen, die sich gegenseitig ausschließen. Allerdings ist niemand in seinem Judenhass so weit gegangen wie die Nationalsozialisten. Mit ihrem Rassenwahn machten sie sich zu Herren über Leben und Tod.

Diese sogenannten „Herrenmenschen“ schreckten auch nicht davor zurück, angeblich „unwertes“ Leben zu vernichten, Menschen zu sterilisieren und den politischen Gegner auszuschalten. Sie alle wurden Opfer des nationalsozialistischen Säuberungswahns: Sinti und Roma, die slawischen Völker, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, widerständige Christen, Zeugen Jehovas und alle anderen, die sich dem staatlichen Terror widersetzten.

Was uns aber am meisten entsetzt: Nie zuvor hat ein Staat ganze Menschengruppen so systematisch stigmatisiert, separiert und vernichtet: in so großer Zahl, mit eigens geschaffenen Todeslagern und einer präzise durchorganisierten, unerbittlichen und hocheffizient betriebenen Tötungsmaschinerie – so wie in Auschwitz, das zum Symbol für den Holocaust wurde. So wie in den übrigen Vernichtungslagern im besetzten Polen: Treblinka, Majdanek, Bełżec, Sobibor und Kulmhof. In anderen Lagern wurden die Menschen durch Hunger, Zwangsarbeit und unmenschliche Grausamkeiten dahingerafft.

Und Zehntausende wurden bei Massenexekutionen in den eroberten Gebieten des Ostens erschossen und in Massengräbern verscharrt, wie in Kamenez-Podolsk und Babi Jar.

Es waren die Truppen der Alliierten, die diesem Morden bei ihrem Vormarsch ein Ende bereiteten. Die Vernichtungslager im Osten wurden von den Sowjetsoldaten befreit. Vor ihnen, die allein bei der Befreiung von Auschwitz 231 Kameraden verloren, verneigen wir uns auch heute in Respekt und Dankbarkeit.

Gedenktage führen eine Gesellschaft zusammen in der Reflexion über die gemeinsame Geschichte. Denn ob wir es wollen oder nicht: Einschneidende Ereignisse hinterlassen ihre Spuren – bei den Akteuren und Zeitzeugen, aber auch bei den nachfolgenden Generationen.

Eine der wichtigsten Lehren aus dem Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit lautet zweifellos, dass Verschweigen offenkundiges Verbrechen und offenkundige Schuld nicht tilgt. Das erlebten West- wie Ostdeutsche in einem ganz unterschiedlichen Umfeld, im Kern jedoch auf ganz ähnliche Weise.

Gleich nach dem Krieg stand der Wiederaufbau im Vordergrund. In den Jahren des Wirtschaftswunders schauten im Westen zu viele Menschen nur nach vorn, und zu wenige auch zurück. NS-Verbrechen verfolgte die Justiz nur schleppend und in Einzelfällen. Mochten einzelne Intellektuelle und Schriftsteller, Widerständler und Opfer die NS-Zeit auch thematisieren, mochten einzelne Filme, Romane und Tagebücher auch auf jüdische Schicksale verweisen – etwa auf das von Anne Frank -, so blieb die Mehrheit davon doch unberührt. Sie schottete sich ab, sie schützte sich vor Schuld- und Schamgefühlen, indem sie die Erinnerung verweigerte. Dass führte dazu, dass oft Selbstmitleid an die Steööe von Empathie mit den Opfer trat.

Im Rückblick ist es beschämend, dass aus den Opfern von einst nun Bittsteller wurden – beschämend, wenn bei Entschädigungen das Leiden von Opfern der Deutschen weniger wert war als das Leiden deutscher Opfer. Die Bevölkerung der jungen Bundesrepublik kannte wenig Mitgefühl mit den Opfern nationalsozialistischer Gewalt. Das Wiedergutmachungsabkommen mit Israel war in der Öffentlichkeit keineswegs populär damals.

Das Schweigen wurde erst allmählich durchbrochen, als Ende der 1950er Jahre größere Prozesse gegen die nationalsozialistischen Täter begannen – der Ulmer Einsatzgruppenprozess, der Prozess gegen Adolf Eichmann, die Auschwitz-Prozesse. Sie machten das Ausmaß der Verbrechen sichtbar. Auf Betreiben des unerschrockenen hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer berichteten Hunderte von Zeugen über Gräueltaten, die belegten, dass es ein ganzes System der Vernichtung gab, ein System, das viele nicht für vorstellbar gehalten hatten. Zwar war das Erschrecken in der Öffentlichkeit groß. Aber eine wirklich umfassende Betroffenheit stellte sich noch nicht ein. Die meisten Deutschen sprachen sich selbst frei, indem sie Schuld und Verantwortung einer kleinen Zahl von Fanatikern und Sadisten zuschoben – Hitler und seiner allernächsten Umgebung. Die übrigen galten als angeblich hilflose Rädchen in einem Getriebe, als reine Befehlsempfänger, die gezwungen waren, auszuführen, was ihnen im Grunde fremd gewesen sei.

Die juristische Aufarbeitung sollte letztlich sehr unbefriedigend bleiben. Sehr viele Richter und Staatsanwälte waren an verantwortlichen Stellen des nationalsozialistischen Regimes tätig gewesen. Sie sahen keinen Bedarf für Strafverfolgung oder relativierten die strafrechtliche Verantwortung.

Anders hingegen verhielt es sich mit der selbstkritischen Reflexion. In den 1960er Jahren setzten Intellektuelle wie Alexander und Margarete Mitscherlich fort, was Hannah Arendt schon früher begonnen hatte. Sie fragten auch nach der Mitschuld des „kleinen Mannes“, der sich einem verbrecherischen Führer verschrieben hatte und für die Folgen keine Verantwortung übernehmen wollte. Erst da gewannen die Auseinandersetzungen mit den Verbrechen größere gesellschaftliche Bedeutung. Vorangetrieben und unterstützt durch eine wachsende Zahl kritischer Intellektueller und Künstler lernten die Westdeutschen langsam zu akzeptieren, dass es auch ganz „normale“ Männer und Frauen gewesen waren, die ihre Menschlichkeit, ihr Gewissen und ihre Moral verloren hatten: oft Menschen aus der nächsten Nachbarschaft, sogar Freunde und Mitglieder der eigenen Familie.

Mit der Fernsehserie „Holocaust“ Ende der 1970er Jahre erschloss sich einer wirklich breiten Öffentlichkeit schließlich die Perspektive der Opfer. Nie zuvor hatten sich – in West und Ost – so viele Deutsche dem Schicksal einer jüdischen Familie gestellt. Niemals zuvor hatten sich so viele davon so tief berühren lassen. Ich weiß das aus meinem eigenen Umfeld im Osten, wo ich lebte.

Seit jener Zeit ist das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu einem festen Bestandteil unseres Selbstverständnisses geworden. Jede Generation, ja, jedes Jahrzehnt hat sich des Themas auf eigene Weise vergewissert – oft in heftigen Debatten wie im Historikerstreit oder in der Auseinandersetzung um das Holocaust-Mahnmal. Und weil auch künftige Generationen ihren eigenen Zugang suchen und finden werden, bin ich sicher, dass die Erinnerung an die Verbrechen aus der nationalsozialistischen Zeit lebendig bleiben wird.

Und im anderen Teil Deutschlands? Ich weiß zwar, dass die junge DDR viele Menschen an sich zu binden verstand, weil sie als das antifaschistische, als das bessere Deutschland galt. Viele von denen, die belastet waren, wurden tatsächlich durch Kommunisten und Antifaschisten ersetzt. Antifaschistische Lektüre und antifaschistische Filme bewegten zu Mitgefühl mit ermordeten Widerstandskämpfern.

Loyalität gegenüber der DDR erschien als moralisches Gebot. „Die DDR, mein Vaterland / ist sauber immerhin Die Wiederkehr der Nazizeit / ist absolut nicht drin“, dichtete Wolf Biermann noch in den 1960er Jahren. Der staatliche Antifaschismus der DDR diente allerdings auch als Ersatz für fehlende demokratische Legitimation. Und indem er die Gesellschaft pauschal von der rechtlichen und moralischen Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen freisprach, beförderte auch er das Verdrängen von Versagen und Schuld, gerade auch des sogenannten „kleinen Mannes“.

Er ersparte ihm die kritische Selbstreflexion und ermöglichte dem Belasteten und sogar noch dem Schuldigen, sich auf die Seite der Guten zu schlagen, zu den antifaschistischen Siegern. Das Gedenken galt zudem fast nur den Widerstandskämpfern. An die jüdischen Opfer, die aus Gründen der Rassenideologie ausgelöscht worden waren, erinnern die Gedenkstätten im Osten Deutschlands angemessen erst seit dem Untergang der DDR.

Die „zweite Schuld“, von der Ralph Giordano sprach, also der Unwille, sich der Aufarbeitung der Verbrechen zu stellen und die Opfer zu entschädigen, diese zweite Schuld gab es in Deutschland zwei Mal – in der frühen Bundesrepublik wie auch in der DDR.

Im Laufe der Zeit hat die Bundesrepublik, auch die wiedervereinigte, die Konfrontation mit den Verbrechen der Vergangenheit zu einem Kernbestand ihrer Geschichtserzählung gemacht. Auch dadurch ist sie zum glaubwürdigen Partner für ein friedvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben von Bürgern und Nationen geworden, akzeptiert sogar von vielen Opfern und ihren Nachkommen. So haben in den 1990er Jahren Abertausende von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion die jüdischen Gemeinden in Deutschland belebt und neue gegründet, weil sie an dieses Deutschland glauben. Und der frühere israelische Staatspräsident Shimon Peres hat hier an dieser Stelle von der einzigartigen Freundschaft zwischen Deutschland und Israel gesprochen. Ohne den Blick zurück wäre uns dieses Geschenk nicht zuteil geworden.

Zugleich wissen wir: Gedenktage können zu einem Ritual erstarren, zu einer leeren Hülle, gefüllt mit den stets gleichen Beschwörungsformeln. Wir wissen auch: Gedenktage allein bewahren uns nicht davor, im Hier und Heute gleichgültig zu werden. Ich erinnere mich an eine Feier anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Zu den Rednern damals gehörte Thomas Buergenthal: Mit knapp elf Jahren hatte er den Todesmarsch von Auschwitz nach Sachsenhausen überlebt, nach dem Krieg war er in die Vereinigten Staaten emigriert, hatte sich als Jurist auf Völkerrecht und Menschenrechte spezialisiert und war als Richter beim Internationalen Gerichtshof an der Verfolgung von Völkermord beteiligt.

Mir sind seine Worte damals sehr nachgegangen, denn er konfrontierte das Auditorium mit einer unbequemen Wahrheit. Was ist es wert, fragte Buergenthal, dieses „Nie wieder“, das zentrale Versprechen nach Auschwitz? Gab es nicht – so Buergenthal damals – Kambodscha, Ruanda und Darfur? Gab es nicht – so könnten wir hinzufügen – Srebrenica? Und gibt es heute nicht Syrien und Irak?

Auch wenn hier die Verbrechen nicht die Dimension nationalsozialistischen Mordens erreichten und erreichen, so sei es doch schrecklich entmutigend, erklärte Thomas Buergenthal, und ich zitiere, „wenn Genozid und Massenmord fast Routine werden“. Wenn die Welt „Nie wieder“ erkläre, aber „die Augen vor dem nächsten Genozid“ verschließe.

Gestatten Sie mir, nicht einfach bei der Konstatierung dieser bedrückenden Tatsache stehenzubleiben, sondern weiter nachzufragen: Sind wir denn bereit und fähig zur Prävention, damit es gar nicht erst zu Massenmorden kommt? Sind wir überhaupt imstande, derartige Verbrechen zu beenden und sie zu ahnden? Fehlt manchmal nicht auch der Wille, sich einzusetzen gegen solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit?

Es ist ein großer Erfolg, dass Völkermord seit 1948 verfolgt werden kann, nämlich seit der Verabschiedung der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes. Internationale Strafgerichtshöfe sind mehrfach tätig geworden. Sie können gegen jene ermitteln, die danach trachten, – ich zitiere – „eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihr Volkstum bestimmte Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“.

Zugleich konfrontiert uns die Entwicklung aber auch mit der bitteren Erkenntnis, dass Strafe nur selten abschreckend wirkt und Prävention bislang selten rechtzeitig erfolgte. Ist die mörderische Dynamik erst einmal in Gang gesetzt, ist sie nur schwer zu stoppen.

Oft ist Hilfe sogar unmöglich. Weil wir nicht allmächtig sind, haben wir zu leben mit der moralischen Bürde, das Leben von Menschen nicht immer und überall schützen zu können. Ebenso wenig, wie der Schalom, der Zustand umfassender Glückseligkeit, jemals auf Erden zu erreichen ist, wird sich das „Nie wieder“ gänzlich erfüllen. Aber als moralisches Gebot, als innerer Kompass, bleibt es dennoch unverzichtbar. Denn das Streben nach friedlichem und gerechtem Zusammenleben von Menschen und Völkern ist eine wichtige, ja, wohl die wichtigste Richtschnur unseres Handelns. Und wenn wir das Unheil schon nicht gänzlich zu bannen vermögen, so sind wir doch angehalten, es zu ächten und dafür zu arbeiten, dass es nicht soweit kommen kann.

Gewiss werden nachfolgende Generationen neue Formen des Gedenkens suchen. Und mag der Holocaust auch nicht mehr für alle Bürger zu den Kernelementen deutscher Identität zählen, so gilt doch weiterhin: Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz. Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes. Und es bleibt etwas Spezifisches: hier in Deutschland, wo wir täglich an Häusern vorbeigehen, aus denen Juden deportiert wurden; hier in Deutschland, wo die Vernichtung geplant und organisiert wurde; hier ist der Schrecken der Vergangenheit näher und die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft größer und verpflichtender als anderswo.

In manchem Gespräch und in mancher Studie begegnet mir die Befürchtung, das Interesse der jungen Generation an den nationalsozialistischen Verbrechen werde schwinden. Ich teile diese Sorge nicht, bin mir aber bewusst, dass sich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit weiter verändern wird und verändern muss.

Viele Zeitzeugen hatten die Vergangenheit verdrängt, ihre Kinder die Verdrängung beklagt. Bei den Enkeln zeigt sich jetzt, dass zunehmende Distanz auch von Vorteil sein kann. Die Jungen können sich der schambehafteten Vergangenheit oft offener und uneingeschränkter stellen. Es überrascht immer wieder, in welchem Maße gerade Enkel und Urenkel verschüttete, tabuisierte Familiengeschichten erforschen, die jüdische Vergangenheit ihrer Wohnhäuser und Stadtteile erkunden und sich in Biographien von Verfolgten und Verfolgern versenken. Und wie sie in Menschen, die Juden retteten, nicht allein moralische Vorbilder sehen, sondern auch den Gegenbeweis der alten These: Man hätte ja doch nichts tun können!

Selbst wenn wir in Zukunft auf die Begegnung mit Zeitzeugen verzichten müssen, so muss die emotionale Betroffenheit nicht verloren gehen. Auch Angehörige der dritten und vierten Generation, auch Menschen ohne deutsche Wurzeln fühlen sich berührt, wenn sie in Auschwitz auf Koffern der Ermordeten die Namen ihrer einstigen Besitzer entdecken. Wenn sie in der verlorenen Weite von Birkenau auf die Reste der gesprengten Krematorien stoßen. Wenn sie das „Tagebuch der Anne Frank“ lesen oder den Film „Der Pianist“ sehen. Wir erleben immer wieder, dass Autobiographien, Dokumentationen, Spielfilme, Interviews mit Überlebenden oder Besuche an ehemaligen Stätten des Grauens auch jungen Menschen vergangenes Leid erschließen und ihre Seelen öffnen.

Betroffenheit stellt sich auch nicht nur bei jungen Menschen ein, die einen familiären Bezug zur nationalsozialistischen Vergangenheit haben. Betroffen reagieren auch Menschen, die in der deutschen Geschichte erkennen, was menschenmöglich ist, und dass sich Menschenfeindlichkeit, Fanatismus und Mordbereitschaft in anderem Gewand anderswo wiederholen können.

„Das haben Menschen Menschen angetan“: Auf diesen so einfach wie erschreckenden Nenner brachte die polnische Schriftstellerin Zofia Nałkowska, was sie als Mitglied einer internationalen Untersuchungskommission unmittelbar nach der Befreiung in den Konzentrationslagern gesehen hatte. Diese universelle Dimension des Holocaust ließ die Vereinten Nationen im Jahr 2005 den Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust beschließen – als eine Verpflichtung des Menschen gegenüber dem Menschen.

Der Holocaust als Menschheitsverbrechen – diesen Weg der Annäherung haben auch Eingewanderte, selbst wenn sie sich nicht oder noch nicht als Deutsche fühlen. Dieser Weg ist nicht immer leicht. Manche Einwanderer erlitten in ihren Herkunftsländern selbst Verfolgung. Manche kommen aus Ländern, in denen Antisemitismus und Hass auf Israel verbreitet sind. Wo derartige Haltungen bei Einwanderern nachwirken und die Wahrnehmung aktueller Ereignisse bestimmen, haben wir ihnen beharrlich die historische Wahrheit zu vermitteln und sie auf die Werte dieser Gesellschaft zu verpflichten.

Wir alle, die Deutschland unser Zuhause nennen, wir alle tragen Verantwortung dafür, welchen Weg unser Land gehen wird. Eine junge Frau aus einer Einwandererfamilie hat es in einem Brief wunderbar formuliert: „Ich habe keine deutschen Vorfahren, aber ich werde deutsche Nachfahren haben. Und die werden mich zur Rechenschaft ziehen, wenn heute Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten auf unserem Boden ausgeübt werden“.

Hier ist jemand eingetreten in eine Verantwortungsgemeinschaft, die nicht aus einer Erfahrungsgemeinschaft herrührt. Aber wir finden uns wieder in einem gemeinsamen Willen.

Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war. Selbst eine überzeugende Deutung des schrecklichen Kulturbruchs wäre nicht imstande, mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen. Da ist ein Bruch eingewebt in die Textur unserer nationalen Identität, der im Bewusstsein quälend lebendig bleibt. Wer „in der Wahrheit leben“ will, wird dies niemals leugnen.

Und doch konnten wir nach den dunklen Nächten der Diktatur, nach Schuld und Scham und Reue ein taghelles Credo formulieren. Wir taten es, als wir dem Recht seine Gültigkeit und seine Würde zurückgaben. Wir taten es, als wir Empathie mit den Opfern entwickelten. Und wir tun es heute, wenn wir uns jeder Art von

Ausgrenzung und Gewalt entgegenstellen und jenen, die vor Verfolgung, Krieg und Terror zu uns flüchten, eine sichere Heimstatt bieten.

Die moralische Pflicht erfüllt sich nicht nur im Erinnern. In uns existiert auch eine tiefe, unauslöschliche Gewissheit: Aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag.

Er sagt uns: Schützt und bewahrt die Mitmenschlichkeit. Schützt und bewahrt die Rechte eines jeden Menschen.

Das sagen wir gerade in Zeiten, in denen wir uns in Deutschland erneut auf das Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu verständigen haben. Die Gemeinschaft, in der wir alle leben wollen, wird nur dort gedeihen, wo die Würde des Einzelnen geachtet wird und wo Solidarität gelebt wird.“

 

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