0 Die Volksverblöder von Thomas Wieczorek
DAS Buch zur Wahl

Untertitel „Wie uns belügen und betrügen“.
Mancher Leser mag im ersten Augenblick denken „Ahja, wieder mal Politiker-Bashing, wird auch langsam langweilig.“ Und ein kurzer Blick in die „posts“ bei Twitter oder facebook mag das sogar bestätigen, denn was dort zum Teil abgesondert wird, das langweilt allmählich wirklich. Inkompetent und persönlich verunglimpfend – nicht mal ignorierenswert.
So einfach ist das mit Thomas Wieczorek nicht. Er hat zwar das, was man gemeinhin eine „Kodderschnauze“ nennt, aber seine Feststellungen beschreiben eine Relaität und seine Beispiele sind sauber recherchiert. Er beweist – wieder einmal – Satire und seriöse Information sehr gut miteinander können.
Deshalb ist „Die Volksverblöder“ ein absolut lesenswertes Buch. Es eröffnet dem Leser ein Feuerwerk der Emotionen: Von schlichter Wut bis echter Abscheu; von der Freude über den gelungenen Gag bis hin zum Entsetzen darüber, dass tatsächlich stimmt was Wieczorek feststellt – er liefert sozusagen „Nachdenkliches zur Wahlzeit“.
Was ist los in einer Gesellschaft, von der der Verfasser sagt

„Arbeitnehmer denken nicht einmal mehr an Verkürzung der Arbeitszeit oder höhere Reallöhne; der bloße Arbeitsplatz gilt als Privileg. Senioren sind schon zufrieden, wenn sie der Altersarmut entgehen, Patienten, wenn sie im Krankenhaus aus Kostengründen nicht draufgehen, und Jungakademiker, wenn sie ein unbezahltes Praktikum erhaschen.“

Anmerkung der Redaktion: Ob das vielleicht heißen sollte „Patienten, wenn sie im Krankenhaus nicht aus Kostengründen draufgehen“?

Was ist los mit den Politikern, wenn

„im Jahr 2012 der 93-jährige Ex-Kanzler Schmidt als der beliebteste deutsche Politiker galt, nur knapp gefolgt vom 92-jährigen Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker?“

Und wie steht es um die Parteien wenn Vetternwirtschaft und Ignoranz gegenüber Grundgesetz und Rechtssprechung an der Tagesordnung sind? Mit dem Vergnügen des Satirikers – aber, klar erkennbar, auch dem Entsetzen eines bewussten Bürgers legt Wieczorek auch hier noch einmal den Finger in die Wunden:

„Beispielsweise beim Thema Steuerliche Gleichstellung von Home-Ehen: Da erklärte der CSU-Chef und ertappte Ehebrecher Horst Seehofer schon vor dem für den Sommer 2013 erwarteten Urteil des Bundesverfassungsgerichts, ein Kompromiss bei der Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften mit der Ehe sei nicht möglich. „Daran werde sich auch durch das Gerichtsurteil nichts ändern. Die CSU bleibe bei ihrer Linie „wie auch immer die Richter entscheiden“.

Und stellt fest:

„Schöner kann man seine abgrundtiefe Verachtung des Rechtsstaats nicht ausdrücken.“

Ähnlich wird auch mit den anderen Parteien abgerechnet und auch hier gilt: Alle Beispiele sind sauber belegt. Vetternwirtschaft, Klientelpolitik, Machterhalt als einziges Handlungsmotiv – jede Partei kriegt ihr Fett weg.

Nimmt man das Grundgesetz und die Parteien- und Abgeordnetengesetze als bindende rechtliche Grundlage für alles politische Handeln in Deutschland, dann wird durch Wieczoreks Buch einmal mehr deutlich, wie weit politischer Alltag und grundgesetzlicher Anspruch auseinander liegen.

zitiert Wieczorek den Politiologen Winfried Stefani.

Ein höchst unterhaltsames, gleichwohl erschreckendes Kapitel ist den „Experten“ und der „Kompetanz“ gewidmet.
Beide Begriffe sind nicht weg zu denken im „Tagessprech“ von Politikern (und Medienvertretern), Thomas Wieczorek bietet zwei überzeugende Alternativbegriffe an: „Experten“ sind für ihn die „Karnevalsprinzen der Politik“ und in der „Kompetenz“ sieht er den Trick mit dem „Kaninchen aus dem Hut“ oder auch „Bluff“ genannt.

Weitere, höchst interessante Fragen sind, zum Beispiel „Fachpolitiker vom Fach? Ist im Jägerschnitzel ein Jäger?“ oder „Inkompetenz – nicht strafbar aber grundgesetzwidrig“ oder „Berliner Dilettantenstadel – Die Allerbesten der Besten“ oder „Keine Ahnung – Inkompetenz produziert Verschwendung“ ….

Ganz zum Schluß gibt es noch Worte der Zuversicht (über die politische Klasse) und auch der Warnung (über die zukünftigen Entwicklungen):

„Nun wäre nichts verfehlter und dümmer, als die politische Klasse pauschal über einen Kamm zu scheren. Unzählige Volksvertreter – sogar im Bundestag – reißen sich tagtäglich den Allerwertesten auf, um nach bestem Wissen und Gewissen die Interessen des Volkes zu vertreten und den Artikel 1 des Grundgessetzes über die Menschenwürde von der Utopie zur Wirklichkeit zu machen.“

und

Wenn nicht in der Entwicklung der Menschheit – deren Entwicklung auch die klügsten Köpfe noch nie vorhersagen konnten -, wo dann galt und gilt der Satz: Erstens kommt es anders, und zweitens, als amn denkt. Im schlimmsten Falle droht ein déjà-vu der Zeit von 1933 bis 1945. Dass dies nicht geschieht, haben sich einige aufrechte Politiker und der übergroße Teil der Mitbürger auf die Fahnen geschrieben. Und da gilt die zweite Volksweisheit, und zwar beileibe nicht nur für das Häuflein aufrechter Politiker: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Aber jetzt hilft nur noch eins: Selber lesen und dann am 22. September die Richtigen wählen!

Die Volksverblöder
Wie Politiker uns belügen und betrügen
von Thomas Wieczorek
Knaur Taschenbuch
ISBN: 978-3-426-78615-4

 

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