0 Blatter muss Bundesverdienstkreuz vorerst behalten!

“ 7. Juli 2006: Bundeskanzlerin Angela Merkel verleiht Sepp Blatter das Bundesverdienstkreuz.“ So oder ähnlich stand es in vielen Zeitungen. Selten oder nie wurde gefragt: „Warum verleiht die Bundeskanzlerin den Orden und nicht der Bundespräsident?“ Und nie wurde genau gesagt, „welche Version des Bundesverdienstordens“ der Sepp erhalten hat und die wichtigste Frage, „hat er den Orden verdient“, wurde nicht zugelassen, auch wenn sie von einigen gestellt wurde.

Fragen, die heute, wo viele Politiker – und vermutlich noch mehr Bürger – dem Blatter-Sepp „das Ding“ wieder abnehmen wollen, eine neue Wichtigkeit erlangen. Anmerkung: Die Formulierung „das Ding“ soll keine Geringschätzung gegenüber unseren bundesdeutschen Verdienstorden ausdrücken, sondern greift nur des Blatter-Sepps tonality auf. Der sagte nämlich: „Kein Kommentar, wenn man mir es wegnimmt, dann nimmt man es mir weg.“ -So wichtig ist ihm das inzwischen wohl gar nicht mehr.
Doch zurück zu den Fragen:

Warum hat die Kanzlerin dem Sepp den Orden verliehen?

Erst einmal gilt es festzustellen: Sie hat ihn gar nicht verliehen. Sie hat ihn nur überreicht. Verliehen hatte ihn bereits vorher der damalige Bundespräsident Horst Köhler, der aber den Blatter-Sepp in dieser Angelegenheit nicht getroffen hat.
An der Zeremonie im Speisesaal des Bundeskanzleramts nahmen außer dem Sepp und der Kanzlerin noch Innenminister Wolfgang Schäuble (äußerte gegenüber den schon damals kritischen Stimmen: „Ich überreiche den Orden mit Freude„), der Kaiser (also der Präsident des WM-Organisationskommitees, Franz Beckenbauer) und die beiden BFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Gerhard Mayer-Vorfelder – letztgenannter selbst skandalerfahren und selbstreinigend wie Blatter.

Einen Satz aus dieser Zeremonie wollen wir besonders des Lesers Aufmerksamkeit empfehlen, denn er wird später noch einmal Bedeutung haben:

„Ich bin heute ein fast glücklicher FIFA-Präsident“,

sagte Blatter im fröhlichen small-talk, nachdem die Miniatur des Großen Verdienstkreuzes an seinem Revers befestigt war. Glücklich waren auch die Kanzlerin („Fußball verbindet Kulturen“) und der Kaiser („Die Menschen aus verschiedenen Ländern sind sich näher gekommen, das Ergebnis sieht man vielleicht in neun Monaten“), was Theo Zwanziger und MV glücklich machte, ist nicht überliefert. Da Zwanziger aber sicher sein konnte, bald alleine Chef des DFB zu sein, wohingegen für MV die Lichter der großen Öffentlichkeit am Verlöschen waren, dürften deren Befindlichkeiten sehr unterschiedlich gewesen sein.

Was hat der Sepp denn für einen Orden bekommen?

Das hat eigentlich keiner so richtig gesagt. Die Rede war vom Verdienstorden oder Verdienstkreuz, vom Bundesverdienstkreuz oder Verdienstkreuz einmal sogar von einer Nadel, die ihm die Kanzlerin anheftete.

Wir haben geklärt, welchen „Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland“ der Blatter-Sepp tatsächlich bekommen hat und haben dazu die Ordenskanzlei im Bundespräsidialamt angefragt.

Der Präsident des internationalen Fußballverbands FIFA, Joseph Blatter, hat am 7. Juli 2006 den Verdienstorden, von denen es acht verschiedene Stufen gibt, den Orden der vierten Stufe,  „Das Große Verdienstkreuz„, (Herrenausführung), überreicht bekommen. Auszug aus der Broschüre „Die Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland“:

Das Große Verdienstkreuz (Herrenausführung)  hat einen Durchmesser von 60 mm. Vorder- und Rückseite sind gleich. An dem oberen Kreuzschenkel befindet sich eine Rosette. Das Band ist 44 mm breit und wird durch eine Schlaufe, die durch einen Ring an der Rosette befestigt ist, als Halsband getragen.

Zum Großen Verdienstkreuz gehört ein goldener, vierspitziger Stern, auf dem das Ordenszeichen aufgesetzt ist (eine Miniatur des Ordens). Dieser wird auf der linken Brustseite getragen. Man merke: Die Kanzlerin hat dem Sepp das Band nicht um den Hals gelegt!

Zur Frage „Hat er den Orden verdient?“ und in Ergänzung dazu „Sollte er ihm aberkannt werden?“ und „Was muss er zurückgeben, wenn er ihn zurückgeben muss?“, ist festzustellen:

Angesichts der Tatsache, dass erfolgreiche internationale Großveranstaltungen wie Fußball-Weltmeisterschaften positive Auswirkungen auf nationale Volkswirtschaften haben und der frühe Traum von einem Fußball-Sommermärchen hatte der DFB die Idee, sich bei Sepp Blatter mit der Verleihung des höchsten deutschen Ordens für die Vergabe der WM „an uns“ zu bedanken. Eine Idee, für die sich auch der damalige Innenminister Otto Schily schnell erwärmen konnte und die im ersten Augenblick dafür spricht, dass der Blatter-Sepp der richtige Adressat für die Auszeichnung war. Merke auf: Der Dank ging an den Sepp, nicht an die FIFA!

Aber da waren gleichzeitig jene kritischen Stimmen, die es für „geschmacklos“ hielten, „Herrn Blatter das Bundesverdienstkreuz zu geben, während die Staatsanwaltschaft noch der Frage nachgeht, ob er möglicherweise im Zusammenhang mit zweifelhaften Vorgängen bei der Vermarktung von Fernsehrechten eine Mitverantwortung trägt“ (Reinhard Bütikofer Die Grünen) oder Michael Müller (SPD), der meinte, „das feudale Gehabe von Sportfunktionären“ dürfe nicht auch noch belohnt werden.

Können die Vergaberichtlinien für die Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland dabei helfen, Recht oder Unrecht der Vergabe zu klären?

Der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland,  Theodor Heuss, stiftete den Verdienstorden am 7. September 1951

„In dem Wunsche, verdienten Männern und Frauen des deutschen Volkes und des Auslands Anerkennung und Dank sichtbar zum Ausdruck zu bringen.“

Diesem Gedanken folgend würde der Blatter-Sepp zum Kreis möglicher Kandidaten gehören. Weiterhin gibt es bei der Klärung der Eignung eines Aspiranten aber noch die „Richtlinien für die Ordensverleihung„. Diese sagen in Abschnitt 2.4.1:

Der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland wird an Frauen und Männer für politische, wirtschaftlich-soziale und geistige Leistungen verliehen sowie für alle besonderen Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland, z.B. auch Verdienste im sozialen, karitativen und mitmenschlichen Bereich. Es sind Verdienste, die in der Regel unter Zurückstellung der eigenen Interessen über einen längeren Zeitraum mit erheblichem Einsatz erbracht wurden. Eine einzelne Leistung genügt im Allgemeinen nicht.

und weiter

Danach genügt die normale Pflichterfüllung am Arbeitsplatz nicht.

Wie steht es bei Joseph Blatter um „die Zurückstellung der eigenen Interessen“?
Was ist die Vergabe einer Fußball-Weltmeisterschaft für einen Präsidenten der FIFA anderes als die „normale Pflichterfüllung am Arbeitsplatz“?

Diesem Gedanken folgend dürfte der Blatter-Sepp wohl keinen Bundesverdienstorden bekommen haben, denn auch von der „Zurückstellung der eigenen Interessen“ kann im Zusammenhang mit der WM 2006 wohl keine Rede sein.  Die Richtigkeit dieser Vermutung wird verstärkt, wenn man darüber hinaus die Korruptions- und Schmiergeldvorwürfe bedenkt, die seit Jahren und bereits im Zusammenhang mit seiner Wahl zum FIFA-Präsidenten mit der Person Blatter verbunden sind.

Fazit: Der Blatter-Sepp hätte keinen Bundesverdienstorden erhalten dürfen und er müsste ihm – gefühlsmäßig – eigentlich aberkannt werden.

Wann eine Entziehung möglich ist, regeln „Die ordensrechtlichen Bestimmungen“ in § 4(1):

Erweist sich ein Beliehener durch sein Verhalten, insbesondere durch Begehen einer entehrenden Straftat, des verliehenen Titels oder der verliehenen Auszeichnung unwürdig oder wird ein solches Verhalten nachträglich bekannt, so kann ihm der Verleihungsberechtigte den Titel oder die Auszeichnung entziehen und die Einziehung der Verleihungsurkunde anordnen.

Dazu ist festzustellen: Dem Blatter-Sepp ist nicht eine Straftat nachgewiesen. Kein Gericht hat ihn bisher verurteilt. Ein Entziehungsverfahren würde also vermutlich ein Procedere in Gang setzen, dessen Verlauf dem Ansehen aller Beteiligten – nicht nur dem Blatter-Sepp, der das noch am leichtesten verschmerzen dürfte – massiv schaden könnte.

Außerdem wäre der Versuch einer Entziehung zum jetzigen Zeitpunkt gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, dass man bei der Vergabe leichtfertig verfahren ist und sich noch nicht einmal jetzt an die festgeschriebenen Regeln hält. Die persönliche Enttäuschung der Verleiher und Übergeber ist kein anerkannter Grund für die Entziehung des Ordens.

Sollte allerdings Joseph Blatter zu irgendeinem Zeitpunkt wegen Bestechung, Korruption, Betrug oder Mitwisserschaft verurteilt werden oder aufgrund solcher Anschuldigungen seines Amtes enthoben werden oder selbst zurücktreten, dann muss ihm das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland entzogen werden.

{ 0 Kommentare... Schreibe einen Kommentar }

Sie können entweder das Formular ausfüllen oder sich mit Ihren Facebook-Konto anmelden, um Kommentare schreiben zu können.

 

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

 

Zum Absenden bitte folgende Aufgabe lösen: * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.